Nicht familienfreundlich?

von Redaktion

Einige Radiosender boykottieren Sarah Connors neues Lied – die Sängerin verteidigt den Text

VON KATRIN BASARAN UND RUDOLF OGIERMANN

Vier Jahre nach ihrem ersten deutschsprachigen Album hat Sarah Connor nun „Herz Kraft Werke“ auf den Markt gebracht, wiederum in ihrer Muttersprache – und begleitet von heftigen Diskussionen. Einige Radiostationen, darunter auch Antenne Bayern, boykottieren den Song „Vincent“, andere Sender spielen ihn nur eingeschränkt, etwa, wenn die Kinder in der Schule sind. Grund ist die erste Zeile des Songs: „Vincent kriegt keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt.“ Dieser Text sei nicht „familienfreundlich“. In dem Lied dreht sich alles um die erste Liebe. Connor besingt in der ersten Strophe (siehe dazu den Text im Kasten) die Geschichte eines Jugendlichen, der entdeckt, dass er schwul ist und nicht weiß, wie er damit umgehen soll.

Es dürfte unzählige Teenager geben, die sich darin wiederfinden. Denn Tatsache ist: Diesen Vincent gibt es wirklich, wenn auch mit anderem Namen. Die 38-jährige Sängerin schreibt dazu auf ihrer Internetseite: „Eine befreundete Mutter hat mir erzählt, dass ihr Teenagersohn ihr gesagt hat, dass er schwul sei. Mich hat das sehr berührt, denn ich weiß, wie viel Mut und Selbstvertrauen es einen Jungen mitten in der Pubertät kosten muss, so offen zu sich und seinen Gefühlen zu stehen.“ Sie habe deshalb nachts wach gelegen und beschlossen, über dieses „Coming-out“ ein Lied zu schreiben.

Angesprochen auf den Boykott und die Bedenken gegen ihren Text sagte die vierfache Mutter der „Bild“-Zeitung: „Ich weiß, dass die erste Zeile erst mal verblüfft, überrascht und vielleicht sogar empört.“ Sie habe darüber nachgedacht, eine weniger direkte Version aufzunehmen. Aber: „Das hätte den Sinn verfehlt, und ich kann zugunsten der Massentauglichkeit nicht riskieren, dass man nicht sofort mitbekommt, worum es geht.“ Auch in anderen Songs ihres neuen Albums scheut sich Connor nicht, ihre Meinung zu sagen. So singt die Wahl-Berlinerin, die 2015 eine (große!) Flüchtlingsfamilie bei sich aufnahm und öffentlich kaum darüber sprach, in „Ruiniert“ gegen Fremdenhass und „AfD-Idioten“ an.

Zurück zu „Vincent“. Wie gehen Münchner Sender mit dem Lied um – Boykott oder nicht? Thomas Linke-Weiser ist Wellenchef von Bayern 3 und sagt auf Anfrage unserer Zeitung: „Wir finden den Song toll, musikalisch wie textlich. Deswegen spielen wir ihn auch.“ Es gebe viele positive Reaktionen der Hörer und nur „zwei, drei Beschwerden“. Radio Arabella spielt den Titel dagegen nicht. Programmleiterin Franziska Strobl: „Unsere Musik-Tests haben ergeben, dass ,Vincent‘ bei unseren Hörern nicht ganz die ,gefällt-mir-gut-Hürde‘ geschafft hat, da Sarah Connor sehr laut und auch hoch singt und dadurch etwas progressiv klingt.“

Bei Antenne Bayern hat man sich sehr klar gegen „Vincent“ entschieden. Der Satz „Vincent kriegt keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt“ gehöre nicht „on air“, erklärt Programmdirektorin Ina Tenz. „Unsere Zielgruppe sind moderne Menschen und junge Familien – aus unserer Sicht muss es nicht sein, einem Kleinkind die Bedeutung dieses Satzes zu erklären.“ Den Song und seine Aussage finde man natürlich „trotzdem ganz großartig“.

Artikel 2 von 3