Wie kaputt ist unsere Polizei?

von Redaktion

Nach dem „Tatort“ aus Köln – Ein Gespräch über offene und versteckte Homophobie unter Kommissaren

„Ein schwuler Polizist ist genauso schlimm wie ein schwuler Fußballer“, heißt es an einer Stelle des Kölner „Tatorts“, der gestern Abend im Ersten Premiere hatte. Gesagt hat ihn – ausgerechnet ein Polizist! Wir sprachen mit Thomas Ulmer über Homophobie bei der Polizei. Er ist selbst als Hauptkommissar in Stuttgart tätig und gleichzeitig Vorsitzender von VelsPol, des Verbands lesbischer und schwuler Polizeibediensteter in Deutschland.

Der „Tatort“ suggeriert, dass Homosexualität bei der Polizei immer noch ein Tabu ist. Würden Sie das unterschreiben?

Ich würde zunächst mal unterscheiden wollen zwischen Stadt und Land. In Großstädten wie Berlin, Hamburg, München oder auch Köln ist es eigentlich kein großes Thema mehr. In Kleinstädten oder im ländlichen Bereich dagegen schon.

Weil es dort insgesamt konservativer zugeht?

Ja. Die Strukturen sind andere. Und es hat auch immer mit dem Alter der Betroffenen zu tun. Menschen unter 30 müssen sich nicht outen, wenn sie es nicht wollen. Wenn sie aber über 30 sind, kommen irgendwann Fragen nach Familiengründung und so weiter, dann wird der Druck größer.

Ihr Verein ist seit 25 Jahren aktiv. Was haben Sie bisher erreicht?

Eine ganze Menge, denke ich. Wir haben uns in dem Jahr gegründet, 1994, in dem der Paragraf 175 abgeschafft wurde. Also der Paragraf, der sexuelle Handlungen zwischen zwei Männern unter Strafe stellte. Seitdem ist ein Outing möglich und die Zahl derjenigen, die in einer Scheinwelt leben mussten, die zum Beispiel eine Freundin erfinden mussten, die es nicht gab, gesunken. Und: Es darf schlicht keine offene Diskriminierung mehr geben. Dafür muss übrigens jeder Vorgesetzte sorgen. Jeder Dienstgruppenleiter muss Diskriminierung welcher Art auch immer unterbinden.

Und wenn der Chef, wie im „Tatort“, selbst homophob ist?

Dann muss man an die nächsthöhere Stelle herantreten und das melden. Das ist absolut notwendig. Wir haben inzwischen sogar erreicht, dass die Polizei in der Nachwuchsarbeit damit wirbt, dass die sexuelle Orientierung keine Rolle spielt. Wir informieren im Rahmen der Ausbildung darüber, wie ich mit schwulen, lesbischen, transsexuellen Kollegen umzugehen habe.

Und was ist mit der Diskriminierung hinter vorgehaltener Hand? Dem eher subtilen Mobbing?

Dem ist schwieriger beizukommen, aber da sage ich immer: Das betrifft nicht nur Schwule oder Lesben, sondern das müssen Frauen zum Beispiel seit jeher in vielen Bereichen ertragen. Dem kann man nur mit aller Vehemenz entgegentreten.

Was wäre Ihr Appell an Betroffene?

Traut euch, euch zu outen. Fasst den Mut, nehmt die Vorgesetzten in die Pflicht, euch zu unterstützen. Denn dafür werden sie, unter anderem, auch bezahlt.

Das Gespräch führte Stefanie Thyssen.

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