Hanseatischer Habitus

von Redaktion

Trauer um Ex-„Tagesschau“-Sprecher Wilhelm Wieben, der jetzt mit 84 Jahren starb

VON DORIT KOCH UND RUDOLF OGIERMANN

Selbst noch Jahre nach dem Beginn seines Ruhestands wurde Wilhelm Wieben auf der Straße erkannt. „Aber wenn man mich anspricht, ist das immer sehr maßvoll“, erzählte er einmal. Der distanziert wirkende, hagere Mann war halt nicht der Typ, dem man mal eben kumpelhaft auf die Schulter klopfte. Auch wenn sein Gesicht und seine Stimme vielen Zuschauern noch vertraut waren. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang hatte Wieben die „Tagesschau“ als Sprecher präsentiert. Im Alter von 84 Jahren starb er am Donnerstag in Hamburg.

Der aus Dithmarschen (Schleswig-Holstein) stammende Wieben absolvierte zunächst in Berlin eine Schauspielausbildung und spielte kleinere Rollen am Theater. Danach begann er als Rundfunksprecher beim damaligen Sender Freies Berlin (SFB), ehe er zu Radio Bremen (RB) wechselte, wo er häufiger eingesetzt wurde. Im Fernsehen debütierte er im Jahr 1963 als Ansager, unter anderem verkündete er den Start des legendären „Beat Club“.

Der „Tagesschau“-Redaktion in Hamburg gehörte er schon mehrere Jahre als Off-Sprecher an, bevor er ab 1973 regelmäßig vor der Kamera zu sehen war. Zu seinen schönsten Momenten habe gehört, verkünden zu können: „Guten Abend, meine Damen und Herren, Deutschland ist Fußballweltmeister.“ Zu den traurigsten Augenblicken zählten für ihn jene, in denen er den Tod von Menschen mitteilen musste, mit denen er selbst verbunden war, etwa Schauspielerin Brigitte Horney.

Am 29. Juni 1998 moderierte Wieben die wichtigste deutsche Nachrichtensendung nach 26 Jahren zum letzten Mal – ohne seine Kollegen oder die Zuschauer über diesen Schritt zu informieren. Ganz leise hört man nach Ende der Viertelstunde seine sonore Stimme: „Danke, das war’s.“

Leidenschaftlich gern ging der Autor in Plattdeutsch geschriebener Bücher ins Theater, oft zusammen mit Dagmar Berghoff, die als erste Sprecherin in die „Tagesschau“-Geschichte einging. Mit Berghoff und dem weiteren Ex-„Tagesschau“-Kollegen Jo Brauner bei Lesungen auf. Als „total kompromisslos“ beschrieb Berghoff ihn einmal, und Wieben pflichtete ihr bei: „Ich bin ein Einzelgänger.“

Den Wunsch nach Ehe oder Kindern habe er nie gehabt, sagte Wieben, über dessen Homosexualität seine Freundin Inge Meysel (1910-2004) im Jahr 1995 in einem Interview erzählte: „Eigentlich habe ich nur schwule Freunde. Ich verreise zum Beispiel gerne mit Wilhelm Wieben.“ Die Reaktionen danach seien sehr positiv gewesen, berichtete Wieben später.

Nach seiner letzten „Tagesschau“-Ausgabe blieb Wieben konsequent: „Es war für mich eine wunderschöne Berufszeit. Aber wenn es vorbei ist, ist es vorbei.“ Genauso entschlossen beendete er später Lesungen und das Einsprechen von Hörbüchern. Er habe festgestellt, dass er dazu „gar keine Lust mehr“ hatte: „Man muss dann eben auch – wenn man das finanziell kann – einen Schlussstrich ziehen.“

Der Mann mit dem hanseatischen Habitus, den mehrere Musiker in Songs verewigten – Falco („Jeanny“), Udo Lindenberg („Mein Ding“) und die Band Fettes Brot („Können diese Augen lügen“) – war ein Klassikliebhaber, spielte jahrelang kleine Sprechrollen in Opern- und Operetteninszenierungen („Die Entführung aus dem Serail“, „Im weißen Rössl“). Eine weitere Leidenschaft war das Glücksspiel: „Spielcasinos meide ich, weil ich weiß, dass ich da sehr gefährdet bin. Ich war mal in so einer Situation, in der ich zwar nicht viel verloren habe, aber einiges dafür gegeben hätte, noch mehr Geld zu haben.“

Er genieße die Zeit jetzt, sagte Wieben kurz vor seinem 80. Geburtstag. Bevorzugt verbrachte der Sammler wertvoller Porzellanfiguren sie allein in seiner Wohnung im Hamburger Stadtteil Winterhude.

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