Millionen Zuschauer kennen ihn als „unseren“, als den Münchner „Tatort“-Kommissar. Seit fast 30 Jahren ermittelt Miroslav Nemec als Ivo Batic für den Bayerischen Rundfunk, von Beginn an mit Udo Wachtveitl. „Ich bin genauso impulsiv, emotional und eruptiv wie der Batic“, sagt Nemec – gleichzeitig aber lustiger und freundlicher. Sein tatsächlich sonniges Gemüt ist dabei nicht selbstverständlich. Denn Nemec, der am Mittwoch 65 wird, hat eine schwierige Kindheit hinter sich. „Mein Leben war viele Jahre geprägt von einer großen Zerrissenheit“, erzählt der Schauspieler in einem berührenden Porträt aus der Reihe „Lebenslinien“, das der BR anlässlich seines Geburtstags heute um 22 Uhr zeigt.
Geboren wird Nemec 1954 in Zagreb. Die Verhältnisse sind einfach, sein Vater arbeitet als Bankangestellter, muss sich als Kartenabreißer im Fußballstadion Geld dazuverdienen. Dass er trinkt, macht das Verhältnis zum Sohn nicht besser. Miros Mutter will, dass der es besser hat – und entscheidet, ihn nach Deutschland zu geben. In Freilassing leben Verwandte, Tante Baba mit ihrem Mann Fritz. Im Alter von vier Jahren kommt Miro das erste Mal zu ihnen. „Man kann also auch anders leben“, denkt er sich damals, als er das Haus in Bayern sieht, das so viel schöner und größer ist als sein Zuhause in Zagreb. Er bleibt – doch Baba und Fritz sind streng, Miro hat Heimweh, fühlt sich alleingelassen. „Emotional war das nicht ausreichend“, sagt er heute, im Rückblick. Zumal es ein ständiges Hin und Her zwischen den Welten gibt. Ein paar Monate ist er in Freilassing, dann wieder in Zagreb. Allein in den ersten vier Schuljahren wechselt der Bub mehrfach die Klasse, findet nur schwer Anschluss, verliert das Vertrauen, weil seine Mutter, die in dem Film als „hysterisch“ beschrieben wird, ihm mal dieses sagt und mal jenes.
Als Miro zwölf ist, fällt schließlich die Entscheidung, dass seine Heimat Freilassing bleiben soll, inklusive Adoption durch Baba und Fritz. Als einziger Ausländer in der Klasse ist er für viele Mitschüler nur „Miroslav Jugoslav“, aber Nemec beißt sich durch und entdeckt als junger Erwachsener seine Liebe zur Musik. „Er wäre gerne Rockstar geworden“, sagt ein Freund. Tatsächlich ist Nemec ein begnadeter Pianist. Ein Platz am Mozarteum in Salzburg ist ihm sicher. Weil er aber zu der Zeit in eine Schauspielerin verliebt ist, schmeißt er die Musikausbildung hin und geht nach Zürich an die Schauspielakademie – das Theater ist seine zweite Leidenschaft.
Köln, Essen, Frankfurt sind die Stationen, ehe er zum Münchner Volkstheater und ans Residenztheater wechselt. Im Lauf der Jahre verlagert sich sein Schwerpunkt dann Richtung Fernsehen. Oft wird er als Bösewicht besetzt, etwa in den Serien „Der Alte“ und „Derrick“; die Rolle seines Lebens ergattert er 1991 – den „Tatort“-Kommissar Ivo Batic, den er bis heute leidenschaftlich spielt. Ein Ende? Nicht in Sicht, sehr zur Freude von Millionen Fans, die ihn lieben.
Apropos lieben: Die Frauen haben in Nemecs Leben immer eine große Rolle gespielt. Manche Beziehung, etwa zu den Kolleginnen Rita Russek und Janina Hartwig, ging in die Brüche – auch, weil es Nemec schwerfällt zu vertrauen. Seit 20 Jahren ist der Vater zweier Töchter nun mit der Filmemacherin Katrin Jäger glücklich. Zu gerne würde er seine leibliche Mutter an seinem jetzigen erfüllten Leben teilhaben lassen. Doch sie starb 1993. Immerhin, sagt Nemec, habe sie noch erlebt, dass er es zu etwas gebracht hat.