Lemke legt nach

von Redaktion

Der Münchner Kult-Regisseur stellt „Neue Götter in der Maxvorstadt“ auf dem Filmfest vor

VON MICHAEL SCHLEICHER

Sein Film ist 35 Minuten alt, da taucht Klaus Lemke selbst vor der Kamera auf. Was folgt, sind Szenen, die so wohl nur diesem Regisseur gelingen, und die „Neue Götter in der Maxvorstadt“ unvergesslich machen. Denn Lemke unterbricht eisenhart die Handlung und wendet sich direkt an die Zuschauer: „Genau an der Stelle des Films und auch genau jetzt sollte hier in der Tiefgarage mit fiebrig-schäbiger Eleganz und in einem schwarzen Anzug Scorpio stehen. So ein bisschen unheimlich, so ein bisschen Voodoo“, erklärt der 78-Jährige. „Aber Detlef Bothe, den ich für die Rolle des Bösen brauch’, ist die letzten zwei Tage nicht ans Telefon gegangen. Ich habe ihn auch nirgends sonst gesehen. Dumm ist nur, dass ich niemanden sonst kenne, dem ich glaubhaft einen Bösen zutraue.“ Kurz darauf ist zu sehen, wie Lemke seinen Darstellern erklärt: „Ich habe bis zum letzten Moment gehofft, dass er noch kommt. Aber der letzte Moment war vorhin. Ich glaube, ich breche den Film jetzt ab.“ Ein Regisseur beendet die Dreharbeiten vor laufender Kamera – und macht das Scheitern zum Teil des Films. Spannender kann Kino kaum sein.

Diese Szenen verraten viel über Lemke und seinen Arbeitsstil. Der Mann ist eine Legende, könnte sich auf seinen Erfolgen („Arabische Nächte“! „48 Stunden bis Acapulco“!! „Rocker“!!!) ausruhen. Und doch dreht er weiter – und ist in vielen Momenten waghalsiger, wilder, wütender als der Nachwuchs. Einst hatte auch Lemke zum Kino-Establishment gehört. Der Münchner hat Filme gedreht, in denen er für Aufnahmen aus dem Helikopter geschätzt so viel Geld verbraten hat, wie er heute für die ganze Produktion braucht. Seit einigen Jahren arbeitet er völlig unabhängig, ohne Förderung („Film muss raus aus dem Gefängnis der Filmförderung“) – jeder Beteiligte erhält von ihm 50 Euro pro Drehtag. In Arbeiten wie „Schmutziger Süden“ und „Dancing with Devils“, die seitdem entstanden sind, ist Lemke ein Groß-Meister der Nicht-Inszenierung. So entreißt er dem Leben oft seine lebendigsten Augenblicke: zügellos, romantisch, absurd, roh – ungefiltert. Doch dazu gehört auch das Scheitern, etwa wenn ein Darsteller nicht auftaucht. In „Neue Götter in der Maxvorstadt“ erzählt Lemke ein modernes Großstadtmärchen, in dessen Zentrum Judith steht (herrlich unverkrampft: Judith Paus), die sich in der Münchner Kunstakademie vor dem bösen Scorpio versteckt und nebenbei die Maxvorstadt ordentlich aufmischt.

Getragen wird der Film zudem von der Musik des Komponisten Malakoff Kowalski, der bereits zum neunten Mal mit Lemke arbeitete. „Alles, was ich heute auf meinen Platten spiele, geht auf Lemke zurück“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Er hat in mir einen Komponisten für Filme gesehen – auch für ernste Musik –, bevor ich selber davon wusste. In ,Neue Götter‘ hören wir Synthesizer, Gitarren, Südseeklänge, Blues – alles Dinge, mit denen ich mich in meiner Soloklaviermusik von heute schon länger nicht mehr beschäftige. Im Film dagegen gibt es Raum dafür. Film ist Freiheit für mich.“

Wie Lemke „Neue Götter in der Maxvorstadt“ vollendet hat, sei hier nicht verraten. Tatsache ist, dass heute beim Filmfest Premiere gefeiert wird. München, sagt Lemke, würde derzeit leuchten – „im Vollrausch des Sommers und des Größenwahns“. Dagegen, so Lemke einmal mehr, sei die Berlinale „ein zu Tode subventionierter Friedhof“.

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