Er war neugierig, fleißig, wortgewandt – Michael Jürgs brachte viele Talente mit, die für eine journalistische Karriere nützlich sind. Er sei ein Klartexter, beschrieben Journalistenkollegen den Publizisten, der nun im Alter von 74 Jahren nach langer Krankheit gestorben ist. Als engagierten Verteidiger des unabhängigen Journalismus würdigte der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) den früheren „Stern“-Chefredakteur (1986 bis 1990), als er Jürgs heuer den Theodor-Wolff-Preis für dessen Lebenswerk zuerkannte.
Jürgs stand für die urjournalistische Tugend der Recherche. „Die Sprache ist für einen Journalisten eine faszinierende Geliebte. Sie müssen sie jeden Tag aufs Neue erobern. Aber die Recherche muss halt stimmen“, sagte Jürgs vor wenigen Wochen in einem seiner letzten Interviews dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Und: „Wichtig für unseren Beruf ist Handwerk, klar. Ist Neugier, klar. Leidenschaft, klar.“ Aber es sei auch ganz wichtig, „sich nicht vom Geruch der Macht betäuben zu lassen. Unbestechlich zu sein.“
Im Jahr 1987 war Jürgs als „Stern“-Chefredakteur für das umstrittene Titelbild mit dem toten früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel (CDU) verantwortlich, der in einem Genfer Hotelzimmer in der Badewanne von einem „Stern“-Fotografen abgelichtet worden war. „Für die Entscheidung, das zu drucken, kann man als Chefredakteur gestürzt werden, das ist der Job“, erinnerte sich Jürgs. Die Frage der Moral sei damals unglaublich hart diskutiert worden.
Jürgs blieb bis 1990 beim Magazin, als dem Skeptiker der deutschen Wiedervereinigung ein entsprechender Leitartikel zu seinem Nachteil ausgelegt wurde. Anschließend war er Chefredakteur des Magazins „Tempo“ und Co-Moderator der NDR-„Talk Show“, bevor er sich auf seine eigenen Publikationen konzentrierte.
Jürgs, am 4. Mai 1945 im baden-württembergischen Ellwangen an der Jagst geboren, hatte seine journalistische Karriere 1965 mit einem Volontariat bei der Münchner „Abendzeitung“ begonnen. Im Alter von nur 23 Jahren wurde er 1968 kurzzeitig Feuilletonchef des Blattes, bevor er die Verantwortung für die „Seite 3“ übernahm. Im Jahr 1976 wechselte Jürgs als Ressortleiter Unterhaltung zum Magazin „Stern“ in Hamburg und stieg in die Chefredaktion auf. „Besessen von der Arbeit, besessen vom Journalismus. Er ist ein Überzeugungstäter, der sich mit jedem anlegt, ohne Rücksicht auf Verluste“, urteilte die Medienjournalistin Ulrike Simon einst über Jürgs. Der Beruf des Journalisten war für ihn „eine Firewall der Demokratie gegen die Barbaren an den Toren“, wie er selbst im vergangenen Jahr in einem Essay für das „Handelsblatt“ schrieb.„Online gibt es keine Deadline mehr. Allein schon deshalb tummeln sich im Digitalen ungehemmt Trolle und Hassprediger, die analog bereits an einer Deadline gescheitert wären.“
Einen Namen machte sich Jürgs auch durch etliche Biografien, die viel Aufmerksamkeit bekamen, darunter 1991 über die Schauspielerin Romy Schneider. Mit ihr hatten Jürgs und der Fotograf Robert Lebeck bereits 1981 drei Tage im französischen Quiberon verbracht, ein Jahr bevor die Darstellerin starb. Ihr damaliges, außergewöhnliches Interview wurde Grundlage eines im vergangenen Jahr erschienenen Films mit Marie Bäumer als Romy Schneider. Auch über Verleger Axel Springer, Literaturnobelpreisträger Günter Grass und Opernsänger Richard Tauber schrieb Jürgs. Seine Gesellschaftskritik mündete 2009 in einer Streitschrift, in der der Publizist mit den „Blödmachern“ im Privatfernsehen abrechnete. „Es war wochenlang die Hölle. Ich musste mir ansehen, was ich sonst noch nie gesehen habe“, sagte Jürgs dazu.