Streiter für die Wahrheit

von Redaktion

NACHRUF  Der legendäre Filmproduzent Artur Brauner ist hundertjährig in Berlin gestorben

VON ZORAN GOJIC

Als er gleich im ersten Jahr nach Kriegsende seine Central Cinema Compagnie gründete, wusste Artur Brauner genau, weshalb er sich das antat: in Deutschland bleiben – als Jude und Überlebender des Holocaust. 49 Mitglieder seiner Familie hat er durch den Rassenwahn der Nazis verloren, und dennoch ließ er sich in Berlin nieder und begann Filme zu produzieren. Um die Opfer lebendig zu machen, wie er immer wieder betonte. Es war nur leider so, dass man in Deutschland unmittelbar nach Kriegsende keine große Neigung verspürte, sich mit der eigenen unschönen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Werke wie „Morituri“, 1948 der erste deutsche Spielfilm, der die Schoah thematisierte, fielen an der Kinokasse durch. Brauner, gerade mal 30 Jahre alt, drohte der Ruin.

Also startete er eine Art Mischkalkulation. Er befasste sich sehr erfolgreich mit kommerziellem Unterhaltungskino. Leichte Sachen, oft Komödien mit beliebten Stars aus der Ufa-Zeit. Mit dem Geld, das dadurch hereinkam, wollte er dann ernsthafte Filme finanzieren, die an den Horror des Krieges und Rassismus erinnern. Und so handhabte er das dann auch. Filme wie „Der 20. Juli“ (1955) zogen kein großes Publikum an, das nahm Brauner in Kauf, hatte dafür aber den richtigen Riecher bei Filmen wie „Die Halbstarken“, der für Aufsehen und viele verkaufte Tickets sorgte. Und er scheute auch nicht davor zurück, sehr, sagen wir, luftige Dinger wie „Liebe, Jazz und Übermut“ oder „Das blaue Meer und Du“ zu machen. Brauner gab dafür dem Regiemeister Fritz Lang 1959 die Chance, seinen „Tiger von Eschnapur“ zu drehen, ein für damalige Zeiten immenses Spektakel. Oder wagte sich an riskante Stoffe wie den legendären Film „Es geschah am hellichten Tag“ (1958), in dem Heinz Rühmann als Polizist auf den Spuren eines Kindermörders seine ernsteste Rolle spielte.

Der Produzent entdeckte außerdem die erstaunliche Anziehungskraft von Edgar-Wallace-Krimis auf die Deutschen und schwamm als einer der Ersten auf der boomenden Erotikfilmwelle der Sechziger- und Siebzigerjahre. Dinger wie „Josefine, das liebestolle Kätzchen“ (1969) brachten schließlich Geld. Und das benötigte Brauner, um Werke wie „Der Garten der Finzi Contini“ zu drehen, ein Holocaust-Drama, das ihm 1971 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film bescherte.

So ging das immer weiter mit Artur Brauner, der beinahe zwei Dutzend Werke über  sein  Lebensthema und -trauma, den industriell durchgeführten Massenmord der Nazis an Juden und anderen Minderheiten, produzierte. Darunter auch 1990 „Hitlerjunge Salomon“, der mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde und für heftige Diskussionen sorgte. Brauner fand das gut. Streiten und Sprechen über das Thema war ja genau das, was er erreichen wollte. Dass die Bundesrepublik sich dagegen entschied, den Film als deutschen Beitrag um die Oscars konkurrieren zu lassen, hat ihn damals tief verletzt.

Über 300 Filme hat Brauner im Laufe seiner Karriere in die Kinos gebracht: viele, an die man sich nicht erinnern muss, aber auch viele unvergessliche Klassiker und Meilensteine des deutschen Filmschaffens. 2011 hat Marcus H. Rosenmüller noch den Film „Wunderkinder“ inszeniert, eine berührende Geschichte über Kinderfreundschaften im Schatten des Nazi-Terrors. Er wurde sehr zu Unrecht kaum beachtet.

In den vergangenen Jahren konnte man mitunter den Eindruck gewinnen, dass Artur Brauner, den alle nur „Atze“ nannten, sich nicht mehr ganz sicher war, ob er sein Ziel, die Opfer des Nazi-Wahnsinns zu würdigen, wirklich erreicht habe. Zu seinem 100. Geburtstag im vergangenen Sommer zeigte er sich angesichts der Verrohung der politischen Debatte und rechter Umtriebe nachdenklich. Er hoffte auf die Jugend, die sich dem Hass und der Dummheit entgegenstellen würde. Gestern ist er in seinem geliebten Berlin gestorben, ein unermüdlicher Streiter für die Wahrheit und ein Kreativer im besten Sinne des Wortes. Die jungen Produzenten von heute können viel von ihm lernen. Sie müssen es sogar.

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