Zehn Minuten Farbfilm für 50 Mark – in den 1930er-Jahren war das viel Geld, zumal der Durchschnittslohn eines Arbeiters kaum viermal so hoch lag. Doch weil sich die ökonomische Gesamtlage wegen Adolf Hitlers Aufrüstungs- und Kriegswirtschaft gebessert hatte, lebten in der Nazidiktatur viele Menschen, die sich das Filmen gönnen konnten. Sie haben für die Nachwelt Bilder erhalten, die untermauern, wie Deutschland vom Propagandaglanz bis in die 1940er-Jahre immer tiefer in den Abgrund geriet.
„Wir im Krieg – Privatfilme aus der NS-Zeit“ nennt der TV-Autor Jörg Müllner seine Dokumentation, die das ZDF heute Abend um 20.15 Uhr als einen Beitrag zum 80. Jahrestag des Kriegsbeginns am 1. September 1939 zeigt. Der Historiker Müllner, der fürs ZDF bereits Filme über die NS-Zeit und den Krieg („Hitlers Helfer – Eichmann“) herstellte, hat in seinem Bericht fast ausschließlich Amateurfilme zusammengetragen. Sie sagen viel über die Stimmung im Land aus – Wissenschaftler verschiedener Universitäten ordnen die Bilder ein.
Viel Bewegtbildmaterial stammt vom frisch vermählten Ehepaar Käthe und Erich Höse, das in den letzten Tagen des Friedens im August 1939 die gut 700 Kilometer lange Reise mit dem Faltboot auf der Oder von Ratibor im Süden bis nach Stettin im Norden zurücklegte und noch unzerstörte Städte wie zum Beispiel das schlesische Breslau ins filmische Visier nahm. „Auf der einen Seite mehren sich die Zeichen für einen Konflikt, auf der anderen hindert dies die Menschen nicht daran, ihr Leben weiterzuleben“, sagt dazu die Historikerin Isabel Heinemann aus Münster.
Diese schönen Urlaubsaufnahmen vom Faltboot mit entsetzlich qualmenden Transportschiffen im Hintergrund muten eher noch harmlos an im Vergleich zu einem Nazi-Auflauf im badischen Lahr im Juli 1939. Bei dem mischte fast die gesamte Bevölkerung mit, wie die Filme eines Amateurs, der 20 Stunden Material hinterließ, zeigen. Der heutige Stadthistoriker Thorsten Mietzner habe sein Lahr „nicht wiedererkannt“, gesteht er im Interview mit dem ZDF. „Die Filme zeigen, dass die Diktatur den Konsens und das Mitmachen aller braucht.“
Ein junger Mann wird mit seiner privaten Kamera sogar zum Zeugen des Holocaust. Zunächst filmte Götz aus Leipzig noch, wie er Stofftiere aufhängte und sie verbrannte (Historikerin Heinemann zu diesen Aufnahmen: „völlig irre“). Später nahm er sein Gerät mit in den Krieg und dokumentierte, wie Juden gegen ihren Willen zum Schuttaufräumen in Warschau eingesetzt wurden. Er begleitete den Russland-Feldzug mit seiner Kamera und nahm im lettischen Liepaja auf, wie die deutschen Eroberer jüdische Bewohner exekutierten – Bilder, die an Grausamkeit kaum zu überbieten sind.
In einem offiziellen Propagandafilm aus der NS-Zeit, der aus Stuttgart stammt, ist in einem Metzgerladen zu sehen, wie die jüdische Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgt wird – aber nur zum Schein. Zufällig taucht auf dem Film auch die junge Eva Stettinger auf. Sie wurde laut Filmemacher Müllner kurz danach mit etwa 1000 anderen Stuttgarter Juden nach Riga transportiert und dort ermordet. Von Ruth Sara Lax ist in einem Film nur noch der Koffer im Bild. Auch sie wurde im März 1942 in Riga Opfer von Hitlers Rassenwahn.
Einige Chronisten ihrer Zeit filmten dann aber doch, so lange der Materialvorrat reichte: Walter Lenger aus Leipzig, der noch in glücklichen Tagen die prägenden Ereignisse rund um die Familie wie die Geburt des dritten Kindes festhielt, war auch beim Bombenhagel dabei; ebenso Jupp Jäger aus Düsseldorf, der Bilder nach schweren Luftangriffen machte. Das war eigentlich verboten, aber seine Kamera stammte aus NS-Bestand. Und somit bewahrten die Amateurfilmer, die eigentlich das prosperierende Reich hätten abbilden sollen, der Nachwelt damit auch die nachhaltigen Eindrücke von seinem Untergang.