Ein Bilderschatz für München

von Redaktion

Der „Stern“ hat sein gesamtes Fotoarchiv der Bayerischen Staatsbibliothek übergeben

VON TERESA GRENZMANN

Rund 15 Millionen Fotos – und jedes einzelne erzählt eine Geschichte. Rund 15 Millionen Geschichten – und zusammen ergeben sie einen Ausschnitt aus einem halben Jahrhundert Zeitgeschehen. Das Magazin „Stern“ hat der Bayerischen Staatsbibliothek das Gedächtnis einer Ära geschenkt: sein analoges Fotoarchiv, in Abzügen, Negativen und Dias von 1948 bis 2001.

Acht LKW-Ladungen aus 181 Regalmetern in 2316 Archivkartons! Von einer „Win-win-Situation“ ist die Rede. Aber der Begriff scheint viel zu klein und bürokratisch, um zu beschreiben, worin die Wichtigkeit dieser Schenkung für alle Seiten besteht. Der „Stern“ im Hamburger Verlag Gruner + Jahr sichert die Zukunft seines Archivs durch die Zusage einer der renommiertesten Bibliotheken, den Schatz nicht nur konservatorisch zu verwalten, sondern durch wissenschaftliche Erschließung, professionelle Digitalisierung und stolze Präsentation auch so aufwendig wie enthusiastisch zu heben. Die Staatsbibliothek wiederum besitzt nun „ein einzigartiges Dokument des Fotojournalismus“, betont Generaldirektor Klaus Ceynowa, „das visuelle Gedächtnis der Bundesrepublik und des weltpolitischen Geschehens der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“.

Das Publikum kann sich auf einen sukzessiven Zugang zu diesem Archiv freuen – zunächst, ab 2022, in Ausstellungen. „Ich glaube, es ist ein Rockzipfel der Geschichte, den wir hier heute zu greifen bekommen“, formuliert Staatsminister Bernd Sibler die Vorfreude. Und die beteiligten Fotografen – viele von ihnen mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet – profitieren ebenfalls: vom Bewahren ihrer Bilddokumente, über die sie weiterhin, obendrein digital für Ausstellungen und Publikationen verfügen können; von der gleichberechtigten Beteiligung an deren künftiger entgeltpflichtiger Verwendung; vor allem aber von der Wertschätzung ihrer Arbeit.

Peter Thomann ist einer von ihnen. Strahlend berichtet der 79-Jährige von 37 Jahren Festanstellung beim „Stern“: „Ein Traum!“ Das Archiv eines Fotografen? „Das ist deine Lebensgeschichte!“ Das geniale Foto während der Bonner Koalitionsverhandlungen 1969? Ein glücklicher Zufall mit dem Fisheye-Objektiv. „Helmut Schmidt mochte eigentlich keine Fotografen.“ Im Moment, als der SPD-Politiker – grinsend, Zigarre rauchend – die Vorhänge zuzog, drückte Thomann auf den Auslöser.

Und Paul Breitner in seinem Arbeitszimmer nach der gewonnenen WM 1974? Ein Aufmacherbild. „Er wollte seine Bücher verkaufen. Breitner war für mich damals ein ganz unangepasster, sympathischer Paradiesvogel.“

Situationen zu erkennen, vorausschauend zu denken – darin sieht Peter Thomann die Kunst seines spannenden Berufes. Heute könne jeder digital fotografieren. „Jeder kann das Glück haben, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Das wesentlich Schwierigere ist, eine engagierte Reportage zu erstellen.“

Ob Milahy Moldvays Aufnahmen von der Berliner Zonengrenze 1971 oder Hanns-Jörg Anders’ nordirisches Friedensbild 1969; ob Jay Ullals oder Jürgen Gebhardts charakterstarke Momentaufnahmen deutscher Politiker – eines Tages wird die Bayerische Staatsbibliothek den riesigen Schatz gehoben haben, der das millionenfach beweist.

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