Im besten Ruhestandsalter ist Uta Haufe mit ihren 63 Jahren. Und trotzdem schämt sie sich dafür, dass sie bald in Rente gehen will: Denn um ihre Nachfolge als Landärztin ist es schlecht bestellt; Haufe macht sich Sorgen um ihre Patienten. Die „37 Grad“-Reportage „Notfall Hausarzt – Praxensterben in Deutschland“, die das ZDF heute um 22.15 Uhr ausstrahlt, begleitet die Hausärztin bei ihrer Suche nach einem Kollegen oder einer Kollegin, die ihre Praxis im sächsischen Leuben übernehmen möchte.
Wie schwer es ist, jüngere Mediziner für das Leben und Arbeiten als niedergelassene Ärzte jenseits der großen Städte zu begeistern, erlebt auch der Kinderarzt Michael Achenbach aus dem nordrhein-westfälischen Plettenberg: Seine Praxis platzt aus allen Nähten, an einem (normalen) Arbeitstag sieht er rund 120 junge Patienten. Als dann auch noch zwei Praxen in der Nähe schließen und er deren Patienten teils übernimmt, weiß er kaum noch, wo ihm der Kopf steht: Für seine eigene Familie hat er so gut wie keine Zeit, wichtige Hausbesuche sind immer schwerer zu realisieren.
Der 50-Jährige ordnet die Lage historisch ein: vom Arzt früherer Zeiten, für den es zum Selbstverständnis gehörte, rund um die Uhr im Einsatz zu sein, bis ins Heute, in dem vielen Berufsanfängern ihre Work-Life-Balance wichtig ist – wofür Achenbach durchaus Verständnis zeigt. Der Kinderarzt sieht die Politik in der Pflicht, etwas an der Situation zu ändern – wie genau, sagt er aber nicht.
Eine Antwort auf diese Forderung könnte der sogenannte Medibus sein, der im „medizinischen Niemandsland in Nordhessen“ die Dörfer abklappert: eine Hausarztpraxis auf vier Rädern. Allein: Das Pilotprojekt wird von den Menschen nicht angenommen, in manche Sprechstunden von Mediziner Matthias Roth kommen nur ein oder zwei Patienten. Vielen fehlt die Kontinuität, wie sie der frühere Hausarzt in seiner festen Praxis vermittelte. Man fremdelt – der an den Wochenenden im fernen Nürnberg lebende Arzt, der in seiner Mobilität wohl nie zur Dorfgemeinschaft gehören wird, und seine Patienten, von denen er sich mehr Offenheit wünschen würde.
Regisseurin Frauke Siebold erzählt ihr Thema sehr konventionell und nah an den Menschen. Mehrmals fließen Tränen von Patienten, wenn sie von dramatischen Krankheiten oder ihren Sorgen um die Zukunft berichten. Die Belastung von Achenbachs Familie durch die Abwesenheit des Vaters wird ausführlich behandelt. Auch geht es viel um Uta Haufes Betroffenheit ob der Unsicherheit, in die sie ihre Patienten entlässt.
Konkrete Fakten wie die, dass in Deutschland in den kommenden zwei Jahren um die 10 000 Hausärzte in Rente gehen werden, werden dagegen eher knapp gehalten – wie es üblich ist für das Format. Etwas Spielraum für ein paar zusätzliche Zahlen, die die Gründe für die Misere näher erklärt hätten, wäre durchaus gewesen. Trotzdem ist der Filmemacherin ein interessanter Einblick in die aktuelle Situation der Hausärzte gelungen. Ihr größtes Pfund sind dabei die gut gewählten, sehr unterschiedlichen, allesamt sympathischen Protagonisten.