Hat eine Erfolgsserie von Netflix junge Menschen in den Tod getrieben? Die Macher von „Tote Mädchen lügen nicht“ mussten auf diese Diskussion reagieren. Schließlich sind die Vorwürfe gegen das Streamingformat seit dem Start im Frühjahr 2017 massiv. Vor einige Folgen wurde ein Erklärvideo geschaltet, eine Internetseite mit Hilfsnummern und Informationen eingerichtet. Die Angebote richten sich an jene, bei denen die Handlung möglicherweise ein erhöhtes Risiko auslöst, sich zu töten. „Wenn du selbst mit diesen Problemen kämpfst, könnte diese Serie nicht die richtige für Dich sein“, heißt es in dem englischsprachigen Video, gesprochen von den Schauspielern selbst.
Allerdings dürften die Diskussionen über die umstrittene Serie, die heute weltweit in ihre dritte Staffel geht, kaum abreißen. Neue Studien erhärten aus Sicht vieler Kritiker den Verdacht, dass „Tote Mädchen lügen nicht“ junge Menschen zum Suizid bewegt hat. Schon kurz nach Veröffentlichung der ersten Folgen liefen Mediziner Sturm. Die Serie heroisiere und dramatisiere den Suizid der Schülerin Hannah Baker. In der ersten Staffel wurde genau beschrieben, wie Hannah gemobbt wird. Die Schülerin bringt sich um und gibt auf zuvor aufgenommenen Kassetten einigen Personen in ihrem Umfeld eine Mitschuld. Aus Sicht der Mediziner lieferte die Serie alle Zutaten für den sogenannten Werther-Effekt. Der Name ist an Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ angelehnt. Nach seiner Veröffentlichung 1774 kam es zu einer Reihe von Suiziden junger Männer, der Effekt gilt heute als belegt.
Eine neue Studie eines österreichischen Wissenschaftlers scheint dies nun für „Tote Mädchen lügen nicht“ ebenfalls zu bestätigen. Thomas Niederkrotenthaler von der Universität Wien hat mit einigen Kollegen festgestellt, dass die Zahl der Suizide bei Zehn- bis 19-Jährigen in den USA bis zu drei Monate nach Veröffentlichung der ersten Staffel auffällig hoch war. Vor allem bei jungen Frauen war der Anstieg mit einem Plus von 21,7 Prozent sehr deutlich.
Das sei noch kein eindeutiger Beweis, dass „Tote Mädchen lügen nicht“ zu mehr Selbsttötungen führt, sagt der Mediziner. Unter anderem sei nicht zu sagen, ob die Betroffenen die Serie überhaupt gesehen hätten. Aber: „Ein Zusammenhang zwischen der Serie und der erhöhten Zahl an Suiziden ergibt sich aus dem Gesamtbild der Forschung zu diesem Thema durchaus.“ Besonders problematisch ist es aus Niederkrotenthalers Sicht, dass die Serie in der ersten Staffel den Eindruck erzeugt habe, dass es aus der Lage der Protagonistin keinen anderen Ausweg als den Suizid gegeben hätte. Es sei prinzipiell kein Problem, dass Selbsttötungen in Filmen und Serien thematisiert würden. „Es geht aber um das Wie. Und da war diese Netflix-Serie eine ganz klare Ausnahme im negativen Sinne.“
Netflix hatte auf diese und ähnliche Anschuldigungen zuletzt mit dem Verweis auf eine Studie der Universität von Pennsylvania reagiert. Deren Verfasser legten dar, dass sie einen Einfluss der zweiten Staffel auf Suizide nicht hatten feststellen können. Diese beschäftigte sich allerdings anders als die erste nicht so sehr mit dem Thema Selbsttötung. Auch Niederkrotenthaler sagt, dass seine Ergebnisse nicht als Schreckensszenario für die neuen Folgen gesehen werden müssen: „Wir wissen derzeit nicht, was wirklich das Thema der dritten Staffel sein wird.“ Tatsächlich hüllt sich der Streamingdienst über den Inhalt der neuen Folgen in Schweigen. Sicher scheint nur, dass die Macher das Geschehen nun in Richtung Täter verlagern. Einer von ihnen, Bryce (Justin Prentice) findet in der dritten Staffel selbst den Tod.
Wie dem auch sei – Wissenschaftler Niederkrotenthaler betont, dass das Thema Lebenskrise durchaus auch anders dargestellt werden könne. „Filme und Serien können einen präventiven Effekt haben, wenn gezeigt wird, wie jemand aus seiner Krise wieder herausgekommen ist.“