„Diese Diagnose ändert alles“

von Redaktion

INTERVIEW Julia Koschitz über ihre Rolle als an Multiple Sklerose Erkrankte in „Balanceakt“ (ZDF)

Sie gilt als Entdeckung Franz Xaver Bogners, doch längst hat sich Schauspielerin Julia Koschitz von den bayerischen Serien emanzipiert, spielte in gefeierten Produktionen wie „Shoppen“, „Der letzte schöne Tag“ oder „Hin und weg“. Dass sie stets in herausragenden Filmen mitwirke, sei „Zufall“, sagt die in Belgien geborene Wahl-Münchnerin bescheiden. Nun ist die 34-Jährige im Fernsehfilm „Balanceakt“ (ZDF, heute, um 20.15 Uhr) als erfolgreiche Architektin zu sehen, die mit der Diagnose Multiple Sklerose (MS) konfrontiert wird.

Warum haben Sie zu diesem Rollenangebot nicht Nein sagen können?

Ich mochte den Ansatz der Autorin Agnes Pluch, dieses schwierige Thema ernsthaft, aber trotzdem mit Leichtigkeit zu erzählen. Außerdem wollte ich unbedingt mal mit der Regisseurin Vivian Naefe zusammenarbeiten, und hier ergab sich die Gelegenheit.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Zunächst habe ich viel über MS gelesen, sowohl medizinische Berichte als auch Erlebnisberichte von Erkrankten und deren Angehörigen. Ich habe mich bei der MS-Gesellschaft in München informiert und hatte die Gelegenheit, mit betroffenen Frauen zu sprechen. Diese Gespräche haben mir sehr geholfen.

Verdrängung scheint eine verbreitete erste Reaktion auf diese Diagnose zu sein…

Ich glaube, die meisten von uns nehmen ihre körperliche und geistige Gesundheit für selbstverständlich. Wir sind gewöhnt, uns strapazieren zu können, für den Beruf, die Familie, die Gesellschaft. MS konfrontiert einen mit unterschiedlichen Belastungen, physisch wie psychisch. Alleine die erhöhte Erschöpfbarkeit, die Fatigue, ein typisches Symptom bei MS, ändert den gewohnten Tagesablauf eines Menschen, der agil war, völlig. Ich denke, es liegt in unserer Natur, jede Art der Einschränkung erst mal zu verdrängen. Es gehört zum Prozess dazu, sich auf die krankheitsbedingten Veränderungen einzulassen. Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, sagten aber auch, dass dieser schmerzhafte Prozess ihnen letztlich neue Lebensqualität gebracht hat. Weil man anfängt, sich aufs wirklich Wichtige zu konzentrieren.

Was ist für Sie das gesunde Gegengewicht zum Drehen generell und zu „Balanceakt“ im Besonderen? Vielleicht das Joggen, weil Sie vor der Kamera eine Gehbehinderung spielen mussten?

Oh, ich glaube, während dieses Drehs habe ich gar nichts mehr gemacht, außer mich auf den nächsten Tag vorzubereiten und schlafen zu gehen. Aber sonst ist Laufen ein super Ausgleich für mich, beim Drehen und generell.

Wie lange klingt eine solche Arbeit in Ihnen nach? Haben der Film und Ihre Rolle darin an Ihrer Lebenseinstellung etwas verändert?

Ich habe mich daran erinnert, wie glücklich ich mich schätzen kann, gesund zu sein. Man vergisst das leider viel zu oft.

Das Gespräch führte Wolfgang Wittenburg.

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