Manchmal reichen ein paar Sätze, und alles fühlt sich wieder wie mit 15 an.
Freibad. „Nach einem langen Winter wartete es darauf, wieder geöffnet und mit Wasser, Sonne und Leben geflutet zu werden.“
Musik. „Die Musik tat gut. Musik wollte nichts von mir. Sie war einfach so da und legte sich um mich herum.“
Erste Liebe. „Ich hatte mich in … verliebt und hatte sie gleichzeitig gehasst. Und noch nicht einmal gewusst, wofür. Na ja, wahrscheinlich dafür, dass ich in sie verliebt war.“
Erster Rausch. „Schmecken tat’s ja nicht. Aber wenn sich alles leichter anfühlte, war es ja auch leichter.“
Beim Lesen jeder Zeile ein schmunzelndes Erinnern. Matthias Brandt hat nicht vergessen, wie das ist, mit 14, 16, 18. Mit Lehrern, die einen mit Kafka nerven. Mit Eltern, die nicht kapieren, dass man kein Kleinkind mehr ist und über ihre Scheidung allein hinwegkommt. Denn: „Ob die beiden jetzt in einer gemeinsamen oder in zwei getrennten Wohnungen nicht miteinander redeten, war doch eigentlich egal.“ Mit Kumpels, deren Umarmung schnell zum grausamen Schwitzkasten werden kann. Universelle Erfahrungen aus dieser bittersüßen Zwischenzeit – ein paar Meter weg vom Kind, genauso viele entfernt vom Erwachsensein –, so klug, so unprätentiös, mit so viel trockenem Witz erzählt.
Dass er schreiben kann, hat der 57-jährige Schauspieler schon mit seinem Erstling, der Geschichten-Sammlung „Raumpatrouille“ (2016), bewiesen. Jetzt präsentiert er seinen ersten Roman, „Blackbird“. Mag Brandt auch nicht mehr den Kommissar Meuffels im „Polizeiruf 110“ geben – wenn er dafür mehr Zeit hat, solche Bücher zu schreiben, ist man selbst als größter Fan der ARD-Reihe versöhnt.
Im Zentrum der 15-jährige Morten. Sein bester Freund Bogi ist lebensbedrohlich erkrankt. Bogi wird sterben. Und was tut Brandt? Fühlt sich ganz und gar ein in Morten und schafft, was leicht hätte schiefgehen können: exakt den Ton zu treffen, den ein pubertierender Bursche anschlagen würde, dem das Leben seinen wichtigsten Halt – seinen Seelenfreund – wegreißen will.
Dieser lakonische Erzählstil rettet den Autor davor, in gefühlsduselige Betroffenheitsliteratur zu verfallen. Wer die Rebellion der Jugend in sich trägt, der ist geradeaus. Der versteckt sich nicht hinter anerzogener Höflichkeit. Scheinbar unverstellt erzählt Morten dem Leser seine Geschichte. In Wahrheit will er sich natürlich cooler geben, als er ist. Brandt weiß, wie die jugendlichen Pappenheimer ticken. Und so gelingt es ihm, genau auszutarieren, wie viel Gefühl ein Pubertierender anderen gegenüber offenbaren würde. Zart schimmert es zwischen den Zeilen durch.
Im ersten Liebesbrief, den Morten in Krakelschrift verfasst, zum Beispiel. In der – autobiografisch geprägten? – Beschreibung des schwierigen Verhältnisses zum Vater. Und, das besonders, in der Sorge um den Freund. Im Ärger über die „Scheißkrankheit“. Während Morten und die anderen Freunde unten im Krankenhaus-Hof Fußball spielen, kann Bogi nur vom Fenster aus zuschauen. Obwohl doch auch er zu ihrer Clique gehört. „Aber wie sollte das bitteschön gehen, das mit dem Dazugehören, wenn er den ganzen Tag über im Frotteepyjama in dem bekackten Giraffenzimmer rumlag, während wir draußen gerade unsere Welt umkrempelten? Das erklärte einem natürlich keiner.“
Nein, das erklärt einem keiner. Auch nicht, wenn man nicht mehr 14, 16, 18 ist. Denn das Erwachsenwerden, das geht ja weiter. Das endet nicht im Freibad, wenn er endlich gelingt, der so gefürchtete Sprung vom Zehn-Meter-Brett. Wenn der erste Liebeskummer überstanden, der erste Rausch ausgeschlafen ist. Die großen Fragen, Sorgen, Ängste begleiten uns ein Leben lang. Brandts Roman erinnert daran, wie wir mit ihnen fertigwerden. Öfter mal die Rebellen in uns die Oberhand gewinnen lassen. Die finden ihre eigenen, ziemlich cleveren Wege.
Matthias Brandt:
„Blackbird“. Kiepenheuer & Witsch, 288 S.; 22 Euro. Brandt liest am 19. November in den Münchner Kammerspielen; 089/ 233 966 00.