Am Ende eines langen Tages platzt Angela Merkel der Kragen. „Scheiße, verdammt noch mal! Hundert Busse?“, flucht sie ins Handy, während sie vom Regierungsflieger auf ihre Limousine zumarschiert. So, glauben die Macher des ZDF-Dokudramas „Stunden der Entscheidung – Angela Merkel und die Flüchtlinge“, könnte es sich abgespielt haben, als die Kanzlerin erfährt, dass die ungarische Regierung den Fußmarsch tausender Flüchtlinge nach Österreich und Deutschland nun mit Hilfe von Bussen beschleunigt. Es ist der 4. September 2015, der Tag, als Merkel beschließt, die deutschen Grenzen nicht zu schließen.
Mit dem Dokudrama, ausgestrahlt heute um 20.15 Uhr und damit auf den Tag genau vier Jahre später, will das ZDF nachzeichnen, wie es dazu kam. Von 7.30 Uhr an einmal rund um die Uhr geht es um jenen Tag, der eigentlich „ruhig“ sein sollte, wie ein Mitarbeiter der Kanzlerin noch am Morgen erwartete. Merkel hält Reden, schüttelt Hände, winkt. Originalaufnahmen jenes Tages zeigen sie in München, Essen und Köln. Und wenn die Kamera die echte Merkel nicht filmen konnte, tritt Schauspielerin Heike Reichenwallner an ihre Stelle.
„Die wohl mächtigste Frau der Welt in einem dramatischen Geschehen darzustellen, ist schon mal eine eigene Herausforderung“, sagt Stefan Brauburger, zuständiger Redaktionsleiter beim ZDF, und lobt Reichenwallners schauspielerische Leistung. Sie trägt zwar den gleichen blauen Blazer wie die Kanzlerin an jenem Tag, hat die gleiche Frisur. Aber sie klingt nicht wie Merkel, ist eher eine Annäherung als eine exakte Kopie.
Reichenwallner ist zum Beispiel dran, wenn Merkel die entscheidenden Telefonate führt, mit dem damaligen österreichischen Kanzler Werner Faymann oder Bürochefin Beate Baumann. Ganz ohne Fantasie sind solche Dialoge nicht zu schreiben. „Dass die Morgenrunde damit beginnt, dass Frau Baumann die Kanzlerin fragt ,Käffchen?‘, das ist absolut authentisch“, versichert Marc Brost. Der langjährige „Zeit“-Redakteur ist einer von zwei Drehbuchautoren und hat nach eigenen Angaben viele, oft vertrauliche Gespräche mit Beteiligten geführt. „Wenn es Dialoge sind oder Telefongespräche, dann geht es nur noch darum, was gesprochen wurde – da können Sie nicht den genauen Wortlaut rekonstruieren“, sagt er. „Für uns ging es darum, dass wir exakt sind, was den Inhalt angeht, exakt, was den Zeitpunkt angeht, und exakt, was die Form angeht. Also – aggressiv oder passiv, wütend oder ruhig.“
Das Drama lebt davon, dass es neben Merkel eine zweite Hauptfigur gibt, den Syrer Mohammad Zatareih, der den Flüchtlingsmarsch vom Budapester Ostbahnhof aus organisiert. Er gibt den Männern, Frauen und Kindern, die sich in jenen Tagen auf den Weg machen, ein Gesicht – ihrer Not, ihrem Misstrauen gegenüber den ungarischen Polizisten, ihrer Hoffnung auf Deutschland. Der wahre Zatareih spricht in Interviewsequenzen, in szenischen Passagen übernimmt ein Schauspieler. Gerade bei den Massenaufnahmen aus Ungarn verschwimmen authentisches Material und nachgedrehte Szenen auch einmal völlig.
Viel Überraschendes über jene Stunden, über die schon so viel berichtet worden ist, enthüllt der Film nicht. Man wolle einladen, den Tag nachzuerleben, sagt Brauburger. Aus der Nähe fällt der Blick vor allem auf Merkel. Ihr Gegenspieler, Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán, ist ein Machtfaktor – aber was ihn treibt, bleibt unklar. „Willst Du, dass Orbán die Flüchtlinge niederknüppeln lässt?“, fragt Merkel ihren damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in einem nachgestellten Telefonat.
Es gehe auch um die Frage, ob es damals Spielraum gegeben habe, anders zu entscheiden, sagt Brauburger. Deutlich formulierter Widerspruch an der Politik der Bundesregierung in jenen Tagen kommt nur vom früheren BND-Präsidenten Gerhard Schindler: „Die gesamte Verbrechensbekämpfung oder die gesamte Durchsetzung von Rechtsstaat produziert unschöne Bilder“, sagt er in einer Interviewsequenz. Die Regierung habe den Zustand in den Anfangstagen als Ausnahme bezeichnet. „Dass es dann doch keine Ausnahme geworden ist, geblieben ist, sondern lange, lange angehalten hat, das gehört für mich zu den unerklärbaren Phänomenen dieser Geschichte.“