Manche Menschen schreiben Tagebuch, Alice Merton schreibt Songs. „Der Verlust von Freunden, Einsamkeit, Ängste – ich habe meine Gefühle schon immer in Lieder gepackt“, sagt die 25-jährige Sängerin. In „No Roots“ thematisierte die Deutsch-Britin, die in Kanada, München und England aufwuchs, ihre Heimatlosigkeit und schaffte 2016 den Durchbruch im Musikgeschäft. Ab heute sitzt sie in der Jury der neuen Staffel von „The Voice of Germany“ (Pro Sieben und Sat.1). Warum sie selbst nie bei einem Talentwettbewerb mitgemacht hat und laut mitsingt, wenn ihre Songs im Radio kommen, erzählt Alice Merton im Interview.
Wie war es, das erste Mal auf den Buzzer zu drücken und sich für ein Talent umzudrehen?
Aufregend! Ich kannte „The Voice“ bereits, wusste aber nicht, wie viel echt und was gestellt ist. Zu erleben, dass wirklich alles spontan und ungeplant passiert, hat mich beeindruckt. Jeder Coach entscheidet, welche Songs die Talente im Team singen und wie individuell die Coachings sind. Es hat extrem Spaß gemacht, mit den Kandidaten zu arbeiten und ihre Stimmfarben zu entdecken. Ich glaube, diese Authentizität überträgt sich auf die Sendung.
Haben Sie selbst schon bei einer Talentshow mitgemacht?
Nein, nie. Auch zu „The Voice of Germany“ hätte ich mich als Kandidatin früher vermutlich nicht getraut.
Warum nicht?
Weil ich nicht geglaubt hätte, dass sich jemand für mich umdreht. Als ich anfing, habe ich meine Stärke nicht in meiner Stimme gesehen, sondern in der Tatsache, dass ich meine Songs selbst schreibe. Ich war nie der Typ, der Lieder von anderen vorsingt.
Auch nicht, als Sie noch in Bars und Cafés aufgetreten sind?
Nein, Cover-Versionen waren nie mein Ding. Wenn ich die Lieder von anderen performe, habe ich immer das Gefühl, dass ich sie nicht so gut rüberbringen kann. Ich bin nicht Sängerin geworden, weil ich eine Rampensau bin, sondern weil ich es liebe, persönliche Geschichten zu erzählen und damit meine Gefühle zu teilen.
Sie haben in München Abitur gemacht und in Augsburg mit dem BWL-Studium begonnen…
…und es abgebrochen, weil ich einen Platz auf der Popakademie in Mannheim bekommen habe. Ich habe mit neun Jahren angefangen, zu singen und schon immer nebenher Songs geschrieben. Als ich meinen Eltern sagte, dass ich mein Hobby zum Beruf machen möchte, haben sie mir dringend geraten, auf die Popakademie zu gehen.
Von der träumen viele junge Leute, die Karriere machen wollen…
Und viele haben ein falsches Bild. Auf der Popakademie lernst du nicht Songwriting, aber du hast drei Jahre, um dich intensiv weiterzuentwickeln. Du spielst in Bands und feilst mit Profis an deinen Liedern. Ich habe unheimlich viel gelernt und dabei auch meinen besten Freund und Kollegen Paul kennengelernt, mit dem ich später die Plattenfirma Paper Plane Records International gegründet habe.
Bei „The Voice“ hoffen viele Künstler auf einen Durchbruch, wie Sie ihn vor ein paar Jahren hatten. Wie schafft man das?
Mit harter Arbeit, einer klaren Vision und einer großen Portion Glück. Du musst wissen, was du willst. Seit meiner Kindheit habe ich Klavier, Gesang und Gehörbildung trainiert. Darauf zu hoffen, dass man da irgendwie reinstolpert, ist eher naiv.
Ihre Zielstrebigkeit wurde belohnt. Mit dem ersten Album „Mint“ haben Sie einen Erfolg gelandet. Mal ehrlich, drehen Sie auf, wenn Sie Ihre Songs im Radio hören?
Na klar! Ich freue mich total, wenn die Radiosender meine Lieder spielen. Erst vor kurzem saß ich im Taxi als „Why so serious“ kam. Ich hab den Fahrer gebeten laut aufzudrehen und hab mitgesungen. Das ist immer noch ein cooles Gefühl.
Das Gespräch führte Astrid Kistner