Ein Doppelleben in Deutschland

von Redaktion

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls zeigt das Erste den Thriller „Wendezeit“ über eine Agentin, der die Enttarnung droht

VON KLAUS BRAEUER UND HEIDE-MARIE GÖBBEL

Man schreibt das Jahr 1989, das Ende der DDR ist nah. Saskia Starke (Petra Schmidt-Schaller) war einst von ihrem ehrgeizigen Vater (André Hennicke) für die Stasi ausgebildet worden. Nun ist sie mit dem amerikanischen Wissenschaftler Richard Starke (Harald Schrott) verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in einer schönen Villa in Zehlendorf in Westberlin. Sie arbeitet offiziell in der Botschaft der USA, inoffiziell jedoch für die CIA – und für die Stasi. Die CIA hat schon länger den Verdacht auf einen Maulwurf und schickt ihren Spürhund Jeremy Redman (Ulrich Thomsen) nach Westberlin, der Saskia ins Visier nimmt.

Aus der Perspektive der Geheimdienste blickt der Fernsehfilm „Wendezeit“ auf den Fall der Mauer zurück. Das Erste zeigt Sven Bohses Thriller nach dem Buch von Silke Steiner an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr. Eine große Rolle spielen darin auch die sogenannten Rosenholz-Dateien, eine Liste der Stasi, in der sämtliche Klarnamen ihrer Agenten verzeichnet sind. Saskia versucht mit allen Mitteln, die Akten mit den Buchstaben ihres Deck- und ihres Klarnamens verschwinden zu lassen und so ihre wahre Identität weiter zu verschleiern.

„Beim Verfassungsschutz hat jede operative Handlung einen Namen, der nur einmal vergeben wird“, sagt Helmut Müller-Enbergs, Fachberater des Films: „An jenem Tage war der Buchstabe R dran, und der Sachbearbeiter entschied sich für den Namen ,Rosenholz‘ für die Aktion. Der Name steht nun für den Gesamtkomplex aus Dienstreisen und verfilmten Karteikarten auf Mikrofilm sowie den damit verbundenen Folgen.“ Die Mikrofilme seien zuletzt im Dezember 1989 im Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gesichtet worden. Danach waren sie verschwunden, bis sie spätestens im Januar 1993 unter nicht genau geklärten Umständen in die Hände der CIA gelangt seien.

Der Film erzählt zwar eine fiktive Geschichte, aber angelehnt an historische Begebenheiten während des Kalten Krieges. Es gibt viele Orts- und Zeitenwechsel und einige Rückblenden in Saskias Familiengeschichte. Auch diese Szenen spielt Petra Schmidt-Schaller (38, „Der Mordanschlag“) selbst, sächselnd und in perfekter Maske. Überhaupt ist ihr Spiel grandios, zeigt sie doch ihre Verwundbarkeit als Ehefrau und Mutter ebenso wie die Kaltblütigkeit als Spionin.

„Wendezeit“ war ursprünglich als Serie gedacht, in der auch die DDR-Opposition eine größere Rolle spielen sollte, erzählt Autorin Steiner. Doch nach vielen Diskussionen wurde zweigeteilt – in den fiktionalen Film und in eine zweiteilige Dokumentation, die Anfang Dezember gezeigt wird. Dort werden die ebenso dramatischen Fakten um die Namensliste der Auslandsagenten der DDR geschildert.

Er sei überrascht gewesen von der Wirkung des Films auf Jugendliche, die ihn vorab sehen konnten, sagt Berater Müller-Enbergs. Sie hätten zwar Namen wie „Checkpoint Charlie“ nicht mehr gekannt, dennoch seien sie fasziniert gewesen. Denn die Charaktere im Film seien so gestaltet, dass sie den Jugendlichen über die Emotionen einen Zugang zu jener Zeit ermöglichten.

Nach den „Tagesthemen“

diskutiert Sandra Maischberger ab 22.45 Uhr mit ehemaligen Agenten aus Ost und West zum Thema „Spione im Kalten Krieg – gefährliches Doppelleben“.

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