Lebensabend auf dem Land

von Redaktion

INTERVIEW Sibylle Smolka zu ihrer „37 Grad“-Reportage über Pflege-Bauernhöfe als Alternative zum Heim

Zwölf Quadratmeter mit höhenverstellbarem Bett, rollbarem Nachtkästchen und Vollverpflegung? So will die 84-jährige Agnes Leusch ihren Lebensabend nicht verbringen – auch wenn alleine zu leben beschwerlich geworden ist. Auf einem Pflege-Bauernhof findet sie eine attraktive Alternative zum Seniorenheim. Die „37-Grad“-Doku „Bauernhof statt Altersheim“ von Sibylle Smolka, zu sehen heute um 22.15 Uhr im ZDF, begleitet Agnes bei ihrem Umzug in die Hund-Katze-Kuh-WG.

Wie viele solcher Höfe, auf denen man den Lebensabend verbringen kann, gibt es in Deutschland?

Laut unseren Recherchen bisher etwa 25. Es ist wirklich wichtig zu wissen, dass diese Modelle erst am Entstehen sind und ganz allmählich wachsen. In Bayern sieht es meines Wissens recht gut aus, und das Landwirtschaftsministerium bemüht sich, interessierte Landwirte aktiv zu unterstützen.

Die Bäuerin im Film, Andrea Müller, war mit ihrem Hof im Sauerland eine echte Pionierin…

Das stimmt, und sie hat ein riesengroßes Herz! Vor 14 Jahren stand sie vor dem Problem, dass der Laden nicht mehr richtig lief. Mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft war der Hof einfach nicht mehr rentabel. Gleichzeitig ist Andrea mit Leib und Seele Bäuerin und liebt es, eine Großfamilie um sich zu haben. Da hat sie sich die Leihomas und -opas einfach ins Haus geholt.

Das klingt ein bisschen nach Astrid Lindgrens „Bullerbü“ – fragt sich nur, warum nicht mehr unzufriedene Landwirte diesen Schritt wagen.

Ich glaube, dass einige sich davor fürchten, zu viel Verantwortung für die Senioren tragen zu müssen. Aber wie stark man als Betreiberfamilie in die Betreuung und Pflege involviert ist, entscheidet jeder selbst. Es gibt auch Bauern, die einen Großteil ihres Hofes zur Verfügung stellen und für alles andere Personal einstellen. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich über die Vielfalt der Möglichkeiten zu informieren.

Was macht das Altwerden auf dem Bauernhof so attraktiv?

Dass Tiere und die Natur dem Menschen guttun, wissen wir. Ich glaube aber, es sind vor allem die familienähnlichen Strukturen, die sich positiv auswirken. Und natürlich das Gefühl, noch gebraucht zu werden. Wer fit genug ist und Lust hat, kann bei Andrea Müller mit anpacken. Den Stall ausmisten, die Tiere füttern, beim Kochen helfen – auf dem Bauernhof ergibt sich das Beschäftigungsprogramm ganz von selbst.

Trotzdem ist so ein Leben zwischen Hühnerstall und Scheune nicht jedermanns Sache. Für wen eignet sich der Bauernhof als Altersheimersatz?

Er ist toll für Menschen, die ohnehin schon auf dem Land leben und sich nicht vorstellen können, in ein normales Altersheim zu ziehen. Leute, die ihren Garten vermissen würden. Wer noch fit genug ist, sich zu betätigen, profitiert natürlich besonders. Aber auch die Pflege ist auf so einem Hof durch professionelle Helfer gewährleistet. Wichtig ist, dass man Lust auf Gesellschaft und andere Menschen hat. Meine Erfahrung zeigt: Egal wofür man sich am Ende entscheidet, es ist immer besser, dies nicht aus einer Notsituation heraus zu tun, sondern diesen Schritt bewusst zu gehen.

Das Gespräch führte Astrid Kistner.

Artikel 2 von 2