„Wir reiten auf der Rasierklinge“

von Redaktion

INTERVIEW Ulrich Tukurs „Tatort“-Chef Jörg Himstedt erklärt die irren Fälle des Ermittlers

Die Filmkunst hat er sich in den Vertrag schreiben lassen. Seit knapp zehn Jahren spielt Ulrich Tukur den Wiesbadener „Tatort“-Kommissar Felix Murot und befreit mit großer Hingabe das ARD-Krimiformat aus seinem Korsett. Gestern gab’s eine blutige Hommage ans Genrekino der Siebzigerjahre. „Angriff auf Wache 08“ – genial oder total bekloppt? Im Interview erklärt der hessische Fernsehspielchef Jörg Himstedt, warum Tukur niemals fragen wird, wo Sie gestern waren.

Angenommen, Sie wären Profiler und nicht Fernsehspielchef – wie würden Sie Murot charakterisieren?

Wir haben es hier mit einem Einzelgänger zu tun. Einem kleinen Zwangsneurotiker, der nur einen Anzug besitzt und den in zehnfacher Ausführung. Warum? Weil er seinen Stil gefunden hat und damit im Reinen ist. Er nähert sich seinen Fällen nicht immer logisch, aber mit einer Intuition, die ihn bisweilen in so missliche Lagen manövriert, dass er nur noch auf die Hilfe seiner Assistentin hoffen kann.

Seit fast zehn Jahren ist Ulrich Tukur auf außergewöhnliche Fälle abonniert – woran erkennen Sie, ob ein Drehbuch für ihn geeignet ist?

Üblicherweise spreche ich Autoren an, die ich gut finde und dann erarbeiten wir gemeinsam die Fälle. Dabei haben wir die große Freiheit, dass wir fast alles mit diesem Mann machen können, und er es geradezu einfordert. Das war von Anfang an die Grundverabredung mit Ulrich Tukur, dass wir Filme jenseits von einem Fernseh-Kommissar machen, der fragt: Wo waren Sie gestern?

„Angriff auf Wache 08“ ist weit davon entfernt. Stattdessen gibt es wilde Schießereien. Wissen Sie, wie viele Leute in diesem Krimi sterben?

Das kann ich tatsächlich überhaupt nicht sagen, weil wirklich viele Menschen sterben, die wir gar nicht sehen. Es gab ursprünglich mal die Idee, den Rekord aus „Im Schmerz geboren“ zu brechen, aber das Mitzählen haben wir schnell aufgegeben.

Die Motive für den Angriff aufs Polizeimuseum sind vage – wenn die Logik wurscht ist, worum ging’s dann in diesem Krimi?

Wir wollten wieder so etwas wie Kino durch die Hintertür ins Fernsehen bringen. „Angriff auf Wache 08“ basiert lose auf „Assault“ von John Carpenter, der sich ja wiederum an „Rio Bravo“ von Howard Hawks anlehnt. Ich bin mit solchen Filmen im Fernsehen aufgewachsen. Filme, bei denen man sich fragt, wie es eine Handvoll Leute mit schlechten Waffen schaffen, sich gegen eine ballernde Übermacht durchzusetzen. Bei so einem Genrestück sollte man sich nicht zu lange mit Interpretationen aufhalten, sondern es als sinnlichen Filmgenuss sehen.

Was nicht allen Zuschauern gelingt. Beim Tatort, „Murot und das Murmeltier“, in dem Ihr Kommissar in einer Zeitschleife gefangen war, haben viele abgeschaltet…

Unsere Krimis sind immer ein Ritt auf der Rasierklinge. Und das „Murmeltier“ war ein Wagnis, das uns durchaus bewusst war. Der „Tatort“ mit Tukur polarisiert seit der ersten Stunde. Es gibt eigentlich nur Leute, die ihn ganz toll oder völlig bekloppt finden. Die Frage, die wir uns immer stellen müssen, ist: Wie weit kann man gehen?

Und? Wie weit?

Ich weiß es nicht. Wir wollen außergewöhnliche Filme machen, aber nicht für unser Ego, sondern für Menschen, die Spaß an etwas Neuem haben. Sie sind ein Appell an die Zuschauer: Lasst euch doch mal auf was anderes ein! Es gibt keinen Redakteur auf dieser Welt, der einen Film produziert, um das Publikum zu ärgern oder zu vergraulen.

Und wenn’s doch mal passiert?

Es klingt vielleicht komisch, wenn ich als Fernsehmensch das sage: Aber Leute, wenn ihr euch so wahnsinnig über einen Film ärgert – dann schaltet doch einfach ab. Es wundert mich, dass Zuschauer 90 Minuten am Laptop sitzen und während eines „Tatorts“ im Minutentakt Hass-Mails raushauen. Denen möchte ich zurufen: Schaltet um! Ist doch okay, mir gefällt auch nicht alles, was ich sehe.

Das Gespräch führte

Astrid Kistner.

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