Generationenkonflikt

von Redaktion

Im neuen Kieler „Tatort“ an diesem Sonntag blicken die Ermittler in die Abgründe einer Familiengeschichte

VON MATTHIAS HOENIG

Der Tote war in den Siebzigerjahren ein radikaler Reformpädagoge gewesen. Dann wurde er dement und durfte zuletzt im Pfarrhaus seines Sohnes leben. Des Sohnes, den er immer abgelehnt hat. Irgendjemand hat den alten Mann nun ertränkt. Was der Kieler „Tatort“-Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und seine Assistentin Mila Sahin (Almila Bagriacik) im Zuge der Ermittlungen aufklären, ist weit mehr als ein Mordfall. Schicht um Schicht werden die tragischen Schicksale der Beteiligten freigelegt und tiefe Einblicke in menschliche Abgründe vor dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte gewährt. Für den Zuschauer ist dieser „Tatort“ mit dem Titel „Borowski und das Haus am Meer“, der am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen ist, anfangs eine Geduldsprobe – bis die Zusammenhänge deutlich werden.

„Mich hat diese Schuldkette interessiert“, sagt Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein („Bis nichts mehr bleibt“) in einem Interview. Der Vater des späteren Reformpädagogen Heinrich Flemming (Reiner Schöne), war ein Kriegsverbrecher. Der Sohn hat Angst, dass sich das Morden der Väter in der Nazizeit vererbt, und will eigentlich keine Kinder in die Welt setzen. Er lehnt zeitlebens den eigenen Sohn Johann (Martin Lindow) ab, der extrem gläubig, aber, wie Regisseur Stein betont, kaum mehr zu normalen Emotionen fähig ist – nicht zu seiner Frau, nicht zu seinem kleinen Sohn Simon (Anton Peltier), der darunter leidet. „Am Schluss sind die Kinder die Opfer“, sagt Niki Stein: „Sie geben es weiter, und so weiter.“

Dass der Film eine Verbindung herstellt zwischen den Tätern und Ideologen des Nationalsozialismus und den autoritären Führungsfiguren der antiautoritären Erziehungsbewegung, ist für Borowski-Darsteller Milberg nachvollziehbar: „Man nennt es wohl ,Das Kind mit dem Bade ausschütten‘“, sagt er dazu: „Die eigene traumatische Erinnerung an NS-Erziehung machte es vielen schwer, das richtige Maß für eigene idealistische Ideen zu finden.“ Zum dritten Mal ermittelt Borowski in „Das Haus am Meer“ gemeinsam mit Mila Sahin alias Almila Bagriacik. Und obwohl die beiden Ermittler in der Betrachtung dieses Falles zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen, ist der brummige Kriminaler voll des Lobes für die Neue: „Sie ist klug. Und weiß ihn zu nehmen. Und sie mag Menschen.“

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