Weil er vor zweieinhalb Jahren innerhalb weniger Tage zufällig zwei Terroranschläge hautnah miterlebte und von ihnen live berichtete, wurde BR-Journalist Richard Gutjahr zur Zielscheibe rechtsextremer Verschwörungtheoretiker. Er selbst sei Mitwisser oder Mittäter der Anschläge in Nizza und im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München, so die hanebüchene Behauptung. Seitdem kämpft Gutjahr gegen Hass und Hetze im Internet. Es ist ein zermürbender Kampf, bei dem sich der 46-jährige Reporter Rückendeckung von seinem Arbeitgeber gewünscht hätte – und keine bekam.
In einem Blogbeitrag hat der Journalist jetzt angekündigt, den BR nach 22 Jahren als „fester freier Mitarbeiter“ zu verlassen. In einem offenen Abschiedsbrief an seinen Chef, BR-Intendant Ulrich Wilhelm, erhebt er schwere Vorwürfe gegen den Sender. Bei Rechtsstreiten gegen die Angreifer, die seine Familie mit Morddrohungen drangsalierten, habe ihn sein Arbeitgeber nicht ausreichend unterstützt. Dabei wäre der Intendant frühzeitig detailliert informiert gewesen. „Sie hätten uns helfen können, hätten sich aktiv und für alle Welt sichtbar vor Ihren Mitarbeiter stellen können. Stattdessen haben Sie weggeschaut“, schreibt Gutjahr in seinem Brief. Hass gegen Journalisten erfordere Solidarität. „Wenn wir nicht endlich lernen, einen gemeinsame Stimme in Bezug auf Hass und Hetze gegen Journalisten und Politiker zu finden, und weiterhin versuchen, eigene Versäumnisse unter den Teppich zu kehren, dürfen wir uns nicht wundern, dass unsere Gegner uns immer zwei Schritte voraus sind. Das ist kein Spiel mehr.“ Er sei haarscharf an einer Depression, an einem Burnout vorbeigeschlittert, erklärte Gutjahr im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Anfeindungen im Netz gegen seine ganze Familie haben ihre Spuren hinterlassen.
Die Rundfunkanstalt weist die Vorwürfe Gutjahrs „strikt zurück“. Die Geschäftsleitung und der Vorsitzende des Rundfunkrats des BR hätten sich in den vergangenen drei Jahren „mehrfach und intensiv mit allen Facetten des Falles beschäftigt“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme des Senders. Gutjahr sei nicht jüngst, sondern bereits im März 2019 aus dem BR ausgeschieden. aki