Keiner aus der „Tatort“-Familie hat mehr Fälle gelöst als Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec). Doch von Routine keine Spur. Es ist schon bemerkenswert, wie es die Münchner nach fast 30 Jahren immer noch schaffen, besondere Krimis zu drehen. Bestes Beispiel: Die Folge „Unklare Lage“ von gestern Abend. Der Film hat, wie berichtet, Parallelen zum OEZ-Attentat aus dem Juli 2016 und zeigt auf spektakuläre Weise, wie eine Stadt in Panik versetzt werden kann. Er bleibt dabei insgesamt sehr realistisch. Und das liegt unter anderem daran, dass die vielen SEK-Szenen mit echten Polizisten gedreht wurden.
In den meisten „Tatort“-Folgen taucht, wenn überhaupt, das Spezial-EinsatzKommando (SEK) am Ende des Films zum großen Showdown auf. Nicht so in dieser Folge des Bayerischen Rundfunks. Hier ziehen sich die SEK-Szenen durch die gesamten 90 Minuten – und wirken erschreckend echt. Es war dem Produzenten Michael Polle (X Filme) und der Regisseurin Pia Strietmann besonders wichtig, diese Sequenzen authentisch zu besetzen. Das ist zwar teurer, „normale“ Komparsen sind billiger zu haben, aber die Wirkung ist enorm. Die Szenen am Marienplatz und in der S-Bahn-Station wurden übrigens vorwiegend nachts gedreht, um möglichst wenige Menschen zu beeinträchtigen.
Neben den echten Polizisten ist der Schluss dieses Krimis bemerkenswert. Viele Zuschauer dürften sich gefragt haben, ob das Mädchen, das Kommissar Batic erschossen hat, nun tatsächlich eine Bombe zünden wollte oder nicht. Die Antwort des Drehbuchautors Holger Joos fällt im Gespräch mit unserer Zeitung eindeutig aus: „Ja, es war eine Bombe im Rucksack“, sagt er. Man sehe in den letzten Einstellungen aus dem Führungsstab Monitore im Hintergrund; die Medien würden von einem vereitelten Anschlag berichten. „Das mag beim Zuschauen etwas untergehen, was aber in der Inszenierung auch durchaus beabsichtigt war“, so Joos. Die Lage bleibe hier, dem Titel entsprechend, bis zum Schluss unklar.
Und wie geht es nach diesem Fall mit Batic und Leitmayr weiter? An einer Stelle im Film, als beide erschöpft nach einer Verfolgungsjagd auf dem Boden eines Hausflures einen Moment Ruhe suchen, sagt Leitmayr zu seinem Kollegen; „Wir könnten jetzt einfach so sitzen bleiben, oder?“ Man möchte hinzufügen: „Und alles hinschmeißen“, so müde und desillusioniert sehen beide aus. Aber sie machen weiter. Im vergangenen Herbst haben Udo Wachtveitl und Miro Nemec bereits ihren nächsten „Tatort“ abgedreht. Und im Frühjahr stehen sie für die Jubiläums-Folge zu 50 Jahre „Tatort“ mit den Ermittlern aus Dortmund vor der Kamera. Sitzen bleiben ist also keine Option.