Wie Lucky zu Luke wurde

von Redaktion

Heute erscheint „Volle Fahrt voraus“, in dem Achdé von der Kindheit des Comic-Helden erzählt

VON MICHAEL SCHLEICHER

Vor vier Jahren erschien ein Comic-Album, dessen Titel eine Unverschämtheit war: „Der Mann, der Lucky Luke erschoss“. Denn eines ist bei Lucky Luke, dem Cowboy, der „schneller zieht als sein Schatten“, so sicher wie die Relation von Körpergröße und Dummheit bei seinen Erzfeinden, den Daltons: Gestorben wird nicht – und der Held wandert schon gar nicht in die ewigen Jagdgründe. Schließlich ist es seine vornehmste Aufgabe, im Schlussbild jedes Comics auf dem treuen Jolly Jumper in den Sonnenuntergang zu reiten und davon zu singen, was für ein armer, einsamer Cowboy er doch sei.

Freilich überlebte Lucky Luke auch damals; in der Geschichte wurde er gefragt, wie alt er sei. „Weiß nicht genau“, antwortete er schulterzuckend. Darauf stellt der Fragende fest: „Der alterslose Cowboy! Perfekt für eine Legende.“ So ist es. Lucky Luke ist eine Legende – und beneidenswert alterslos, seit er 1946 seinen ersten Auftritt im Comic-Magazin „Spirou“ hatte.

Allerdings wissen wir seit heute endlich, wie Lucky zu Luke wurde. Der neue, inzwischen 98. Band der Reihe erzählt 39 Kurzgeschichten aus der Kindheit des Helden. „Volle Fahrt voraus“ stammt erneut aus der Feder von Achdé, der 1961 in Lyon als Hervé Darmenton geboren wurde. Der französische Zeichner und Szenarist setzt die behutsame Modernisierung der Reihe, die er 2001 übernommen hat, auch im neuen Album fort. Da sich vor ihm noch niemand wirklich mit Lucky Lukes Kindheit beschäftigt hat, malt er hier höchst unterhaltsam die weißen Flecken in der Biografie des Cowboys aus.

Und siehe da: Der Held wurde nicht als Held geboren. Lucky Kid („Vor einer Tracht Prügel türmt er schneller als sein Schatten“) hat es faustdick hinter den Ohren, bringt mit seinen Streichen die Erwachsenen zur Weißglut und hat einen Hang zum Jähzorn, den man nicht erwartet hätte. Wenn es aber darauf ankommt, zeigt der Bub bereits sein enormes Gerechtigkeitsgefühl. Gleich in der ersten Geschichte, der einzigen, die sechs Seiten umfasst, wird der Grund dafür klar. Sein Onkel Elias, ein Sheriff, lebte nach dem Motto: „Gerechtigkeit steht bei mir über dem Gesetz.“ Obwohl sein Neffe noch Steinschleuder statt Colt trägt und sich seine Sporen erst verdienen muss, ist in Lucky Kid zumindest optisch der künftige Held zu erkennen: Der weiße Stetson ist freilich noch zu groß, doch gelbes Hemd, schwarze Weste, rotes Halstuch und Skinny Jeans gibt’s im Wilden Westen auch in Kindergrößen. Natürlich hat Achdé dem Bengel etwas Babyspeck ins Gesicht gezeichnet.

Die einzelnen Episoden sind ein großer Lesespaß, die Pointen sitzen auf den Punkt – von gaga bis grandios ist alles dabei. Grafisch ist das klar und übersichtlich, dabei gelingt es Achdé, selbst den Nebenfiguren trotz der Kürze der Auftritte zumindest ein bisschen Charakter zu verpassen. Am Ende jeder Geschichte gibt’s die Rubrik „Hättest Du das gewusst?“, in der Wissenswertes (etwa zur Polygamie bei Indianern, der Geschichte des Bourbon oder der Redensart „Lügen wie gedruckt) versammelt ist.

Natürlich blitzt auch aktuelle Politik in „Volle Fahrt voraus“ auf. So erzählt Lucky Kid etwa, was er später einmal machen will: „Ich kämpfe gegen die größten Diebe der Vereinigten Staaten … der gesamten westlichen Welt!“ Der Bandit, den er da im Staub der Prärie fesselt, sieht aus wie Donald Trump. Die Mauerbau-Pläne des US-Präsidenten werden im Fortgang ebenfalls verspottet.

Den kräftigsten Tritt gegen das Schienbein hebt sich der Franzose Achdé jedoch für die US-amerikanischen Superhelden-Comics auf: Da malen sich Lucky Kid und sein Kumpel Dopey einen echten Helden aus: In ihren Gedanken mutiert Lucky Luke zu Captain America – an dem verlieren die Burschen jedoch rasch das Interesse: „So ’nen Helden kann’s gar nicht geben.“ – „Ein Held in Strumpfhosen sieht aus wie ’ne Tänzerin im Saloon … Warum nicht gleich ein Spinnenmensch?“ Und weg sind die beiden. Zurück bleibt Luke, verkleidet als Captain America, und sieht lächerlich aus: „Hallo! So kann ich nicht bleiben, Leute! Ich bin ein Cowboy!“ Stimmt. Zum Glück.

Achdé:

„Lucky Luke – Volle Fahrt voraus“. Egmont Comic Collection, 47 Seiten; 12 Euro (Hardcover) oder 6,90 Euro (Softcover).

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