„Ich möchte zum Lesen anregen“

von Redaktion

INTERVIEW „Quartett“-Chefin Thea Dorn über den Neustart der ZDF-Literatursendung

Mit Literatur kennt sie sich aus wie kaum jemand im deutschen Fernsehen – Thea Dorn. Jetzt rückt die Autorin und Moderatorin zur Gastgeberin der ZDF-Büchersendung „Das Literarische Quartett“ im ZDF auf, nachdem ihre Mitstreiter Volker Weidermann und Christine Westermann die Talkshow auf eigenen Wunsch verlassen haben (wir berichteten). Heute um 23 Uhr führt die 49-jährige Berlinerin, die auch Theaterstücke und Drehbücher („Männertreu“) schrieb, zum ersten Mal durch die Sendung, die ein neues Konzept bekommt. Künftig wird sie mit jeweils drei wechselnden Gästen über Neuerscheinungen diskutieren, zum Auftakt sind der Verleger Jakob Augstein, die Journalistin Marion Brasch und die Autorin Vea Kaiser eingeladen.

Bedauern Sie es, dass Volker Weidermann und Christine Westermann das „Literarische Quartett“ verlassen haben?

Aber ja! Beide sind wunderbare Kollegen, ich habe die drei Jahre, die wir die Sendung gemeinsam bestreiten durften, sehr genossen. Aber Menschen fällen ihre eigenen Entscheidungen, das muss man respektieren.

Gab’s Ärger?

Die beiden wollen sich einfach auf andere Projekte konzentrieren, wofür ich volles Verständnis habe.

Personelle Umbrüche wie dieser sind für Sendungen wie diese oft der Anfang vom Ende…

…oder ein Neuanfang. Nach dem Ausscheiden von Volker Weidermann und Christine Westermann mussten wir überlegen, wie wir „Das Literarische Quartett“ für die Zukunft gestalten. Das Leseverhalten, der Literaturbetrieb, unsere gesamte Gesellschaft haben sich stark verändert. Großkritiker wie Reich-Ranicki gibt es nicht mehr, seit der Digitalisierung ist es nicht einfacher geworden, Begeisterung fürs Lesen zu wecken, und unsere Gesellschaft ist heterogener geworden. All dies sprach aus unserer Sicht dafür, sich vom Vorbild der Kritikerrunde zu lösen und eine offenere Form zu finden, die sich eher am Lesekreis, am literarischen Salon orientiert.

Wird sich abgesehen davon am Ablauf der Sendung etwas ändern?

Nein, es bleibt beim wunderbaren Purismus, der das „Quartett“ von Anfang an auszeichnet: Vier Menschen reden über vier Bücher. Der einzige Unterschied ist, dass es künftig keine feste Dreierbesetzung mehr gibt, die sich jeweils einen Gast dazu holt, sondern dass es einen erweiterten, vielfältigen Kreis an Gästen gibt, von Juli Zeh bis Feridun Zaimoglu, von Uli Matthes bis Sahra Wagenknecht, um nur einige zu nennen.

Wie wählen Sie die Bücher aus?

Bislang war es so, dass jeder der vier Teilnehmer die Lektüre mitbrachte, die ihn begeistert hat. Das wollen wir beibehalten, gleichzeitig wollen wir die Auswahl stärker redaktionell steuern. das heißt, wir schlagen unseren Gästen gezielt Bücher vor, die uns spannend und relevant erscheinen. Allerdings muss der Gast schon anbeißen. Das Prinzip, dass jedes Buch, das im „Quartett“ besprochen wird, einen Paten hat, der es leidenschaftlich verteidigt, geben wir nicht auf. Wenn der Gast uns erklärt, warum er ein anderes Buch für triftiger hält, tritt er mit diesem an. Die Methode erfordert einen regen Austausch, aber bei der Vorbereitung der ersten Sendung hatte ich den Eindruck, dass sie wunderbar funktioniert.

Sie möchten die Zuschauer für Literatur begeistern?

Unbedingt, ich möchte die Zuschauer zum Lesen anregen. Das digitale Zeitalter ist vermutlich nicht die beste Epoche für Büchermenschen, aber eine Leidenschaft fürs Lesen gibt es nach wie vor. Viele Menschen, die weniger lesen als früher, beklagen, dass heutzutage nicht mehr so viel über Bücher geredet wird. Wenn es uns gelingt, dass montags im Büro nicht mehr nur noch darüber gesprochen wird, welche Serie man gucken muss, sondern auch wieder darüber, welches Buch man lesen muss, um auf der Höhe der Zeit zu sein, dann bin ich glücklich.

Warum sollten die Menschen lesen?

Weil sie in eine andere Welt eintauchen können. Nur Literatur lässt Figuren und Schauplätze im eigenen Kopf entstehen. Literatur macht dich nicht zum User, sondern zum Co-Autor.

Was lesen Sie zurzeit?

Vor allem die Bücher, die ich für künftige Sendungen prüfen will. Und nochmals die vier Titel, um die es in der anstehenden Sendung geht. Private Lektüre kommt derzeit ein bisschen zu kurz. Aber ich entdecke schon seit einer Weile das Hörbuch für mich, Marcel Proust und seine „Suche nach der verlorenen Zeit“ sind mir seit Jahren treue Begleiter.

Das Gespräch führte Martin Weber.

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