Wer braucht schon Berlin, wenn er Brandenburg haben kann? Endlich Ruhe, Frieden, frische Luft und Vogelgezwitscher – doch die Idylle des beschaulichen Dorfes Unterleuten wirkt nur auf den ersten Blick ungetrübt. Stadtflüchtlinge finden sich in dem 200-Seelen-Kaff zwischen Wendeverlierern und Wendegewinnern wieder. Als auch noch Windkraft-Spekulanten das Nest für sich entdecken, brechen alte Konflikte auf und neue Intrigen werden gesponnen. Nach dem gleichnamigen Roman von Juli Zeh entwirft Regisseur Matti Geschonneck ein bildgewaltiges TV-Epos. In drei Teilen erzählt er ab heute 20.15 Uhr im ZDF die Geschichte des fiktiven Örtchens „Unterleuten“ (Teil zwei und drei am 11. und 12. März) und seiner Bewohner. „Sie sind so gut getroffen – vom politischen Eiferer über den alten Stänkerer bis hin zur jungen Generation –, dass man als Zuschauer immer jemanden aus seinem Umfeld wiedererkennt“, sagt Schauspieler Charly Hübner. Der 47-jährige „Polizeiruf“-Star, der in der Literaturverfilmung den gefürchteten Automechaniker Schaller spielt, hat seine Jugend selbst im Osten verbracht.
Herr Hübner, Sie sind in Feldberg-Carwitz in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen. Gibt es da Parallelen zu „Unterleuten“?
Von der Größe ist Carwitz vergleichbar, aber landschaftlich sind die Dörfer in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sehr unterschiedlich. Wir haben mehr Wasser, ein paar Hügel und deutlich weniger Steppe. Aber natürlich waren die Strukturen gerade zu DDR-Zeiten sehr ähnlich: Auch bei uns gab’s eine LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, Anm. d. Red.), mit einem Vorsitzenden und dem Chef des Bauernverbandes. Das waren schon die, mit denen man sich arrangieren musste, weil sie über Wohl und Wehe des Dorfes entschieden haben. Als kleiner Junge habe ich das aber nur am Rande wahrgenommen.
„Unterleuten“ ist ein fiktives Kaff, in das Stadtflüchtlinge ziehen, um ihr Landglück zu finden. Schriftstellerin Juli Zeh hat es 2016 in ihrem gleichnamigen Gesellschaftsroman zum Leben erweckt. Haben Sie das Buch gelesen?
Ja, kurz nachdem es erschienen ist. Und ich dachte bereits nach 30 Seiten, dass die Geschichte garantiert verfilmt wird. Weil sie so treffend über die Zeit berichtet, in der wir in Deutschland gerade leben. Diese Mischung aus alten Strukturen und der Heuschreckenthematik lässt sich auf so viele Dörfer und Regionen übertragen, egal in welcher Himmelsrichtung sie liegen. Es ist ein mikroskopischer Blick auf unsere Gesellschaft und die Probleme, mit denen sie kämpft.
Bei einer Literaturverfilmung haben viele Zuschauer schon ihre eigenen Figuren im Kopf. Erschwert das die Umsetzung?
Die Gedanken kann ich mir als Schauspieler gar nicht machen, weil das ja ein aussichtsloses Unterfangen wäre, gegen die Fantasie der Zuschauer anzuspielen. Ich selbst hatte beim Lesen auch ein ganz anderes Bild von Schaller, dem grobschlächtigen Typen, den ich spiele. Aber Matti Geschonneck (der Regisseur, Anm. d. Red.) hat mir seine Sicht erklärt und damit etwas Eigenes geschaffen. Ein Film ist ein Film, und ein Buch ist ein Buch. Und beides kann nur für sich funktionieren.
Und dennoch wird eine filmische Adaption immer an der literarischen Vorlage gemessen werden…
Das stimmt. Aber wer zu sehr von seinen eigenen Bildern gefangen genommen ist, sollte die Filme nicht anschauen. Ich habe mit 19 „Narziss und Goldmund“ gelesen und bin bis heute so durchdrungen von Hermann Hesses Buch, dass ich mir die aktuelle Kinoverfilmung vermutlich nicht anschauen werde – weil ich mich von meinen Bildern nicht trennen will.
Was ist mit den Bildern, die Sie zu „Unterleuten“ im Kopf hatten? Sind Sie mit der Umsetzung glücklich?
Ja, ich finde das ist eine große Filmerzählung unserer Zeit geworden. Einer Zeit des Umbruchs, in der die jungen Frauen das Zepter in die Hand nehmen und die Probleme lösen, während die Männer noch in ihrem vertikalen Machtdenken verhaftet sind. Wer steht oben, wer ist unten? Matti hat dafür tolle Bilder gefunden. Und ich glaube, es wird auch mit einigem zeitlichem Abstand klar werden, wie viel Wahrheit in diesem Epos steckt, an dessen Ende ein ganzes Dorf von Spekulanten, Einheimischen und Zugereisten auf den Kopf gestellt wird.
Das Gespräch führte
Astrid Kistner.