Alles richtig gemacht?

von Redaktion

ÖVP-Politiker bügelt alle Kritik an dem Umgang mit Corona-Risiko-Ort Ischgl im TV-Interview ab

VON KATJA KRAFT

Wenn die Situation nicht so ernst wäre, könnte man aus diesem Interview eine wunderbare Persiflage machen. Man müsste noch nicht einmal etwas am Text ändern – genau so, wie sich das Gespräch zwischen ORF-Moderator Armin Wolf und Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (ÖVP) am Montagabend in „ZIB 2“ abgespielt hat, könnte man es in einer Satiresendung bringen. Und sich darüber amüsieren, wie es einem Politiker gelingt, viel zu sagen, ohne überhaupt etwas zu sagen. Ja: wie dieser Politiker versucht, jegliche Kritik mit nur einem immer und immer wiederholten Satz von sich abzuwenden. Dieser Satz lautet im Falle von Bernhard Tilg: „Die Behörden haben alles richtig gemacht.“

Leider war es keine Satire, was da in der österreichischen TV-Sendung zu sehen war. Sondern ein weiterer Beweis für den völlig missratenen Umgang der Tiroler Behörden mit dem vom Corona-Virus besonders betroffenen Skiort Ischgl. Wie berichtet, war seit Tagen bekannt, dass der Ort ein Zentrum des Coronavirus-Ausbruchs in Österreich ist. Trotzdem wurde erst am 10. März der Liftbetrieb in dem Skiort eingestellt. Fünf Tage, nachdem Island Österreich zum Risikogebiet erklärt hatte. Die Anweisung der isländischen Behörden an die eigenen Landsleute: Wer in Ischgl war, solle sich in 14-tägige Quarantäne begeben und die Ämter kontaktieren. Warum, so fragt ORF-Moderator Wolf den Gesundheitslandesrat ehrlich irritiert, hat Tirol nicht zu diesem Zeitpunkt dieselben Maßnahmen getroffen? „Ich glaube, dass die Behörden sehr richtig reagiert haben. Die ausländischen Medien machen den Eindruck, dass das Corona-Virus in Ischgl entstanden ist. Das ist aber nicht so“, hält Politiker Tilg phrasenhaft dagegen. Covid-19, das sei ein ein internationales Problem, das „leider“ auch nach Österreich hineingetragen worden sei. Dieses Argument wiederholt er in dem knapp zehnminütigen Interview immer wieder. Gibt indirekt den Touristen die Schuld für das Ausbreiten der Krankheit. Und nicht den verantwortlichen Behörden, deren Aufgabe es gewesen wäre, Neuinfektionen durch geeignete Maßnahmen zu verhindern. Tatsächlich nutzt der ÖVP-Politiker den TV-Auftritt für ein bisschen Eigenwerbung im Nebensatz. „Wir sind ein großes Tourismusland, worauf wir auch sehr stolz sind. Durch An- und Abreisen kommen 150 000 Touristen in dieses Land. Da sind wir stolz.“ Lächelnd Reklame für den Standort zu machen in solch einer Krise – auch das will gelernt sein. Wolf reagiert treffend auf Tilgs Aussage, die Touristen hätten Corona mitgebracht: „Laut Statistiken haben viele Touristen vor allem Corona aus Tirol mitgenommen.“ Wohl auch Münchner. Denn selbst nachdem das Paznauntal, in dem Ischgl liegt, und St. Anton dann am vergangenen Freitag abgeriegelt, die Touristen zur Ausreise aufgefordert wurden, wurde nicht für das Ausbleiben weiterer Ansteckungen gesorgt. Die, die mit dem Flugzeug gekommen waren, checkten in Hotels ein. „Ich bin ehrlich gesagt ein bisschen verblüfft, dass sie immer wieder betonen, dass alles richtig war“, betont denn auch Moderator Wolf. In diesem Punkt macht es sich der Landesrat ebenfalls leicht: „Die Touristen hatten zu unterschreiben, dass sie unverzüglich ausreisen würden. Es liegt in der Verantwortung der Gäste.“ Einwand Wolf: „Aber Herr Landesrat, ich verstehe es nicht ganz. Wie hätten sich die denn verhalten sollen, wenn Sie sie aus St. Anton rausschmeißen und der Flug erst am nächsten Tag geht?“ Laut Berichten schliefen Hunderte, die aus dem Risikogebiet kamen, in Innsbruck in Hotels, andere sollen in Lech am Arlberg untergekommen sein. Und auch Hotels in München dürften einige der quarantänepflichtigen Abreisenden für die Nacht zur Überbrückung bis zum Flug besucht haben.

Der ÖVP-Politiker beharrt darauf, dass „alles richtig“ gemacht worden sei, und „täglich sukzessive die richtigen Maßnahmen getroffen worden“ seien. Die einzig richtige Frage stellt allerdings der Moderator. „Herr Landesrat, wenn Sie alles richtig gemacht haben, warum gibt es dann in Tirol, einem Land mit etwas über 600 000 Einwohnern,  ein Drittel aller Coronafälle in Österreich?“ Eine selbstkritische Antwort bleibt Tilg schuldig.

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