Sie sagen servus

von Redaktion

ENDE DER KULTSENDUNG Am Sonntag läuft die letzte Folge der „Lindenstraße“

VON STEFANIE THYSSEN

Man sagt das so leicht dahin – „Fernsehgeschichte geschrieben“. Aber in diesem Fall passt es wirklich. Nicht nur, dass die „Lindenstraße“ über 35 Jahre lang Teil des ARD-Programms war. Nein, sie hat für Gesprächsstoff gesorgt, für Aufregung, Schlagzeilen, Kritik und leidenschaftliche Debatten. Selbst diejenigen, die nie eine Folge gesehen haben, wissen, wer Mutter Beimer ist, und die meisten kennen auch das Sarikakis, jenes griechische Restaurant aus der Serie, in dem gegessen, getrunken, geredet und auch mal geprügelt wurde. Die „Lindenstraße“ hat also tatsächlich Fernsehgeschichte geschrieben – am Sonntag wird dieses Kapitel geschlossen. „Auf Wiedersehen“ lautet der schlichte Titel der finalen Folge. Es ist die 1758., ihr Ende ist streng geheim. Es heißt, die Schauspieler mussten ein Schweigegelübde unterschreiben, verraten durften sie vorab jedenfalls nichts.

Der Mann, dem der Abschied wohl mit am schwersten fällt, ist Hans W. Geißendörfer, Erfinder der Serie, Schöpfer der unzähligen Charaktere und Kämpfer bis zum Schluss für den Erhalt der Produktion. Er hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er mit der Entscheidung der ARD, die „Lindenstraße“ mangels guter Quoten einzustellen, nicht einverstanden ist. Als die Nachricht über das Aus im November 2018 bekannt wurde, sagte Geißendörfer gegenüber unserer Zeitung: „Die ,Lindenstraße‘ steht für politisches und  soziales Engagement, für Meinungsfreiheit, Demokratie,  gleiche  Rechte für alle und Integration.“ Das sei in  Zeiten von Rechtsruck und Ausländerfeindlichkeit wichtiger  denn  je,  so  der inzwischen 78-jährige Produzent, der die Verantwortung für die Serie vor einigen Jahren seiner Tochter Hana übergab. Geißendörfer: „Wir können nur unser Unverständnis zum Ausdruck bringen, dass die ARD es offenbar nicht mehr als ihren Auftrag sieht, die Serie fortzusetzen, zu deren Kern es gehört, diese Haltung zu vertreten.“ Klare Worte, die bis heute Gültigkeit haben.

Die Idee zur „Lindenstraße“ lieferten dem gebürtigen Augsburger zum einen die englische Serie „Coronation Street“ – und Geißendörfers Kindheit in einem Mehrfamilienhaus in Neustadt an der Aisch. Die Menschen dort, seine Nachbarn sozusagen, hätten ihn inspiriert, sagte er einmal. Der Filmarchitekt Toni Lüdi, der das Setting der Serie entwickelte, ließ sich von den Häuserfassaden im Münchner Stadtteil Haidhausen leiten. Und ein Objekt an der Ysenburgstraße in Neuhausen stand wohl auch Pate für das Wohnhaus der Beimers, Zenkers und Klings.

Dem „SZ Magazin“ verriet Geißendörfer vor einiger Zeit noch einen weiteren Antrieb für die Serie: „Der eigentliche Grund war der ewige Schmerz, bei einem Film nach 90 Minuten aufhören zu müssen“, so der Produzent. Leicht war es Anfang der Achtzigerjahre übrigens nicht, die Verantwortlichen bei der ARD von dem Projekt „Lindenstraße“ zu überzeugen. 100 Mark habe er, Geißendörfer, dem Hausmeister beim WDR seinerzeit zugesteckt, damit der ein Video  mit    ersten   Szenen in die Intendantenrunde schmuggelt. Zuvor war der Vorschlag abgelehnt worden. Irgendwann waren die Chefs dann doch überzeugt, und das Team konnte loslegen.

Zum Markenzeichen wurde, dass Schauspieler gecastet wurden, die vorher keiner kannte. Das brachte Geißendörfer eine Menge Kritik ein („Laiendarsteller!“), doch auch wenn die Häme ihn verletzte, er hielt stand. Besetzte nach dieser Maßgabe weiter. Und brach Tabus. Der erste schwule Kuss im deutschen Fernsehen, politische Statements wie einen türkischen Arzt, der bei Else Kling für Schnappatmung sorgte („Sie sind ein Arzt? Sie sind doch Türke!“), die Darstellung eines Freitods, der brav-biedere „Hansemann“ Hans Beimer, der aus seiner Ehe mit Helga ausbrach, als er sich unsterblich in Anna Ziegler verliebte. All das war neu damals und sorgte für eine Menge Schlagzeilen.

Beim Start der „Lindenstraße“ 1985 preschte Hans W. Geißendörfer forsch vor. 25 Jahre sei „das Mindeste“, meinte er. Solange wollte er mit der Serie im Programm bleiben. „Der spinnt“, war damals die Reaktion vieler Kollegen. Nun sind 35 Jahre daraus geworden, auf die er, auf die das ganze Team stolz sein kann. Denn so viele Formate gibt es nicht im deutschen Fernsehen, auf die die Sache mit der Geschichtsschreibung wirklich zutrifft.

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