Ein Kindheitstraum wurde wahr

von Redaktion

GASTBEITRAG Ingo Sawilla durfte in einer der letzten „Lindenstraße“-Folgen als Komparse auftreten

VON INGO SAWILLA*

„Kindheitstraum“ ist ein großes Wort. Aber ohne Zweifel gehört für mich zu meinen frühesten Erinnerungen das sonntägliche Ritual, pünktlich um 18.40 Uhr mit meiner Oma auf der Couch: Zeit für „Lindenstraße“. Ich bin mit Klausi Beimer groß geworden, der wenig älter ist als ich. Ich musste zwar nicht annähernd so viele Lebensprüfungen und Schicksalsschläge erdulden wie er, aber ich fühlte mich ihm und den anderen Protagonisten stets verbunden in all den gemeinsamen Jahren des Aufwachsens. Nach einer längeren Pause in der Jugend traf ich zu Beginn des Studiums auf einen Kommilitonen, der ebenfalls mit der „Lindenstraße“ aufgewachsen ist und plötzlich war das gemeinschaftsstiftende Ritual wieder da, zusammen „Lindenstraße“ zu schauen – so wie man alte Freunde wieder besucht.

Auch während meiner Zeit am Residenztheater begleitete mich die Serie, die zwar in Köln gedreht wurde, aber in München spielte: Ich schickte regelmäßig aktuelle Resi-Plakate an das Produktionsteam, die seitdem nicht nur an den Litfaßsäulen der tatsächlichen Münchner Innenstadt hingen, sondern auch an der Säule an der Ecke Linden- und Ulrike-Böss-Straße direkt vor der Dressler-Villa in der fiktiven Serienwelt – oder wie in einer Folge ein „Peer Gynt“-Poster bei Helga Beimers Enkelin Lea an der WG-Tür.

In den vergangenen Jahren habe ich etwas den Draht verloren, die Freunde von früher sieht man irgendwann nicht mehr so häufig und man selbst entwickelt sich weiter. Und doch erfüllte sich im November 2019 der Kindheitstraum, einmal selbst durch die Lindenstraße zu spazieren: Ich hatte das Glück, als Komparse in einer der letzten Folgen mitzuwirken. Und so lief ich mit großen Kinderaugen an einem sonnigen Spätherbsttag durch die mir seit Jahrzehnten wohlbekannte Gegend, die plötzlich irritierend real wurde und doch eine Traumwelt blieb. Ich stand im Biergarten des Akropolis und in Harry Rowohlts Sitzecke, machte Pause im Café Bayer und kann nicht glauben, dass es das schon jetzt alles nicht mehr gibt.

Man muss der Serie dankbar sein für erste schwule Fernsehküsse, sensible Geschichten über Sterbehilfe und Parkinson, den offenen Umgang mit Depression oder Transsexualität und vielen weiteren Themen. Sonntag ist ein trauriger Tag.

* Ingo Sawilla war unter der Intendanz von Martin Kušej am Residenztheater als Pressesprecher tätig und für die Online-Kommunikation zuständig. Heute leitet er die Kommunikationsabteilung des Berliner Ensembles.

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