„Ich habe nur eine Folge verpasst“

von Redaktion

ZUM ENDE DER KULTSENDUNG Der „Lindenstraße“-Marathon von Sportreporter Günter Klein

VON GÜNTER KLEIN

Irakkrieg 2003. US-Präsident George W. Bush lässt die Welt den Atem anhalten. Man denkt nicht an Unterhaltung in diesen Tagen. Sonderprogramme auf allen Kanälen. Auch an jenem Samstag im Bayerischen Fernsehen. Normal wäre um 9.30 Uhr die Wiederholung der „Lindenstraße“-Folge gewesen. Sie entfällt. Für immer. Meine Serie – gerissen! Der BR war die letzte Hoffnung. Die Videoaufzeichnung hatte nicht hingehauen. Eine Mediathek gab es noch nicht.

Meine Liebe zur „Lindenstraße“ musste sich allerdings erst entwickeln. Die erste Folge am 8. Dezember 1985 begeisterte mich überhaupt nicht. Ich war 23, meine Freundin sagte: „Da kommt was Neues im Fernsehen, bahnbrechend.“ Okay, dann schauen wir das. Ich war enttäuscht. Das ist doch nicht das richtige Leben. Nach ein paar Wochen stieg ich aus. Die Freundin schaute weiter.

Ende 1989 waren wir dann kein Paar mehr. In der ersten Wehmut begann ich ihr Fernsehverhalten anzunehmen. Sonntagabend „Lindenstraße“. Neuer Eindruck: Ist ja gar nicht schlecht. Hat sich entwickelt (oder ich mich).

Die über 200 Folgen, die schon versendet waren, holte ich nach. Mein Glück war, dass das SWR Fernsehen noch einmal von vorne anfing, jeden Werktag um 17.30 Uhr. Ich kam in den Flow, ich war nun voll dabei. Das Leben ging mit „Lindenstraße“ weiter. Neue Partnerschaft, Ehe. Meine Frau kannte diese deutsche Soap nicht, sie schaute allenfalls mit einem Auge hin – bis plötzlich Organspende zum Thema wurde: Hajo Scholz, eine der Langzeitfiguren der Serie, brauchte eine Spenderniere. Er bekam sie von Olli Klatt, einem Typen zwischen Schnorrer und Fiesling. Es war ein Deal an der Gesetzeslage vorbei – nun war auch die Gemahlin angefixt. Das war in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre. Sie wollte nichts mehr verpassen.

Um die Jahrtausendwende war sie zum Studium in den USA. Sie wollte bei der „Lindenstraße“ den Anschluss halten. Meine Aufgabe war es, jede Folge aufzuzeichnen. Das bedeutete für mich: Bangen, ob das automatische Programmiersystem des VHS-Recorders funktioniert (2003 bei der Irakkrieg-Aufnahmepanne war das nicht der Fall), die Kassetten so zu organisieren, dass alles draufpasst, und zu hoffen, dass es keinen Bandsalat gibt. Als meine Frau aus Amerika zurückkam, schauten wir die Aufzeichnung von 26 „Lindenstraßen“ fast am Stück durch. Das war die Erfindung des „Binge Watching“.

Sie stieg vor ein paar Jahren aus, weil es „immer das Gleiche ist“. Fand ich nicht. In unser Leben traten derweil andere Aufzeichnungsgeräte. Den VHS- (am Anfang sogar VCR-)Recorder löste der Festplattenrecorder ab, der sich jede Folge merkte, bis auch ich auf die Mediathek umstieg.

Dass die „Lindenstraße“ an Standing verlor, war offenkundig. Fiel sie früher allenfalls wegen eines deutschen WM-Spiels aus, so wurden in den letzten Jahren Sommer- und Weihnachtspausen eingeführt – oder man verschob sie ins Spartenprogramm von One. Die Quoten gingen drastisch zurück.

Ich bin „Lindenstraße“-süchtig geworden. Sogar „Let’s Dance“ habe ich angeschaut, weil da Moritz Sachs alias Klaus Beimer den Tanzbären gab. Liz Baffoe, die die mit dem griechischen Wirt verheiratete Nigerianerin Mary spielt (tatsächlich aber ein Kölsches Mädchen ist), habe ich auf einer Eurosport-Veranstaltung 2010 in „Lindenstraße“-Gespräche verwickelt. Auf der Website bin ich neulich durch die Liste aller Rollen gescrollt. Ich habe Zorro und Walze wiederentdeckt, doch bei manchen Charakteren tue auch ich mich schwer. Die standen jetzt mit wem in welcher Beziehung?

Die „Lindenstraße“ geht zu Ende. Oder: Ich ziehe weg aus der Straße. Die Serie habe ich aus sechs Wohnungen verfolgt, mein Zweitdomizil war die Lindenstraße 3. 35 Jahre lang. Minus die eine Folge.

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