Selten hatte das Thema Familie eine größere Bedeutung als in diesen Tagen. Die einen vermissen sie wegen des Kontaktverbots schmerzlich, die anderen leiden deutlich an einer Überdosis. Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes, verheiratet mit Schauspieler Christian Ulmen und selbst Mutter, nimmt in der ZDF Neo-Sendung „Familien allein zu Haus“ an diesem Samstag um 19.30 Uhr unser aktuelles Zusammenleben unter die Lupe. Drei Familien haben ihren Alltag gefilmt und Videotagebuch geführt. Mit Experten analysiert Ulmen-Fernandes das Material, diskutiert die Probleme und sucht nach Lösungen.
Glauben Sie, dass sich unser Familienleben durch Corona nachhaltig verändern wird?
Genau der Frage gehe ich in meiner Sendung auf den Grund, spreche dazu mit Psychologen, Pädagogen, Hirn- und Zukunftsforschern. Für mich fühlt es sich so an, als würde diese Krise unsere Gesellschaft unters Mikroskop legen. Schwachstellen und Defizite treten viel deutlicher zutage. Fragen, die wir bisher verdrängt und nicht geklärt haben, rücken in den Fokus. Sowohl gesellschaftlich als auch innerfamiliär. Wie viel Medienzeit erlaube ich meinem Kind? Ist der Haushalt reine Frauensache? Helfen die Kinder mit? Wie ist die Aufgabenverteilung generell? In der aktuellen Situation werden viele Probleme sichtbar, und im Idealfall lösen wir sie jetzt für die Zukunft.
Sie sind selbst Mutter – was empfinden Sie persönlich als größte Herausforderung?
Wir sind in der glücklichen Situation, dass wir nicht in unserer wirtschaftlichen Existenz bedroht sind. Aber natürlich müssen auch mein Mann und ich Homeoffice und Homeschooling parallel managen, und das ist mitunter ziemlich anstrengend. Und man stellt fest, dass man nicht über die gleichen Kompetenzen verfügt wie die Lehrer der Kinder. (Lacht.)
In „Familien allein zu Haus“ bekommen Sie Einblick in den Alltag dreier Familien – eine von ihnen lebt in Rom. Wie erleben die ihre aktuelle Situation?
Sie sind ziemlich am Limit, weil die Beschränkungen in Italien noch viel strenger sind als bei uns. Als die Familie vor Kurzem zu dritt spazieren gehen wollte, wurde sie direkt wieder von der Polizei nach Hause geschickt. Sie haben mir erzählt, dass sie sich mittlerweile wie im Gefängnis fühlen.
Wer leidet mehr unter der Situation – Eltern oder Kinder?
Ich glaube, dass alle anders und jeder für sich unter den aktuellen Einschränkungen leidet. Jeder muss für sich mit der Situation umgehen, die Kinder, die Eltern, die Alleinstehenden, die sich nach Gesellschaft und die Familien, die sich vielleicht manchmal eher nach dem Gegenteil von Gesellschaft sehnen.
In der Politik und den Medien entsteht oft der Eindruck, dass bis auf ein paar kleinere Reibereien alles ganz gut klappt. Aber was ist mit den Familien, die eigentlich auch im coronafreien Alltag Unterstützung brauchen, bei denen häusliche Gewalt oder Vernachlässigung ein Thema ist?
Auch über die werden wir reden. Im chinesischen Wuhan war es ja so, dass sich in der Quarantäne die häusliche Gewalt verdreifacht hat, aber auch bei uns sind die Frauenhäuser übervoll. In der Sendung sprechen wir darüber, wo man sich im Notfall Hilfe holen kann.
Wir sehen derzeit viele männliche Experten, Politiker und Virologen, die als Krisenmanager in Erscheinung treten. Frauen sind da eher unterrepräsentiert, oder?
Dafür sind die meisten der eher schlecht bezahlten systemrelevanten Berufe in Frauenhand. Tatsächlich sind 80 Prozent der Pflegekräfte, 70 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel und 85 Prozent in der Altenpflege weiblich. Man kann also wirklich sagen, dass das Fundament unserer Gesellschaft in der Krise auf den Schultern der Frauen lastet. Gleichzeitig gibt es auch tolle Expertinnen, die wichtige Sachen zu diesem Thema zu sagen haben, und ich bin froh, dass sie in unserer Sendung zu Wort kommen.
Welchen Ratschlag Ihrer Experten haben Sie für sich selbst übernommen?
Anfangs war ich bemüht, den Alltag so beizubehalten wie er vor Corona war. Unser neurobiologischer Experte aber empfiehlt genau das Gegenteil: Jetzt sei die Zeit für einen neuen Alltag, eine neue Struktur und für Nachverhandlungen innerhalb der Familie. Das bedeutet, dass alles auf den Tisch kommt und auch die Aufgaben und Rollen neu verteilt werden.
Das Gespräch führte Astrid Kistner.