„Klinik: Schmerzhafte Erfahrungen“ heißt es da, es folgt der Hinweis auf „Tafel 326“ – Überschriften im Videotext sind prägnant, oft überraschend poetisch. Wer beim Fernsehen die Sender durchzappt, ist nur einen Knopfdruck entfernt von einer Welt, in der zumeist Weiß auf Schwarz geschrieben wird. Jahrzehnte bevor Twitter ansetzte, das Leben in 280 Zeichen zu erklären, war man hier schon Meister im Verknappen.
Am Pfingstmontag wird der Videotext in Deutschland 40 Jahre alt – am 1. Juni 1980 begann die ARD mit dem neuen Nachrichtenangebot. Heute haben fast alle größeren Sender Videotextseiten. Wetter, Fußballergebnisse, neueste Nachrichten – immerhin 16 Millionen lesen heute allein die ARD-Videotextseiten regelmäßig. Betrachtet man die durchschnittliche tägliche Nutzung, sind die Zahlen kleiner. Die Statistik weist für 2018 über alle Sender hinweg im Schnitt 7,22 Millionen Nutzer aus. Seit ein paar Jahren gehen die Werte langsam, aber stetig zurück.
In der aktuellen Krise dürfte die Zahl gewachsen sein. „Für unsere Zuschauerinnen und Zuschauer war der wichtigste Nachrichtentag bisher der 22. März, als der Lockdown beschlossen wurde“, sagt Frauke Langguth, die Leiterin von ARD Text in Potsdam. Sie betont zugleich: „ARD Text war schon immer besonders stark in Krisenzeiten.“ Ihr Kollege Jochen Kotelmann, der 1982 als Grafiker beim Videotext anfing und als Dienstleiter Nachrichten kürzlich in den Ruhestand ging, sieht es genauso: „Videotext war immer stark als Krisenmedium.“
Vor dem Aufkommen des Internets war die Aktualität der 24-Stunden-Berichterstattung ein Alleinstellungsmerkmal. Heute, da OnlineMedien in Echtzeit, oft in sogenannten Live-Tickern, berichten, sieht Langguth einen anderen Vorzug: „Früher war Schnelligkeit Trumpf, heute sind es Verlässlichkeit und Sicherheit. Nur weil etwas schnell in die Welt geblasen wird, muss es noch nicht richtig sein.“ Videotext stehe für Unaufgeregtheit und Sachlichkeit.
Zur Feier des Jubiläums servieren auf Seite 890 des ARD-Textes Grafiker eine Geburtstagstorte in Regenbogenfarben. Ihre eckige Anmutung erinnert an frühe Firmenlogos des Computerherstellers Apple. Es ist die schnörkellose Klarheit, woran viele Menschen Gefallen finden.
Hauptzweck des Angebots ist bis heute Information. „An den Vorteilen des Videotextes hat sich nichts geändert“, erläutert Kotelmann: „Er liefert rund um die Uhr den schnellen, kompakten und immer aktuellen Überblick über die Nachrichtenlage. Und er ist thematisch sehr breit aufgestellt. Um unsere Informationen im Netz zu finden, müssen Sie fünf Webseiten besuchen.“
Bei so vielen Infos kann auch mal eine Panne passieren. Woran sich Kotelmann spontan erinnert: „Der Quizmaster Robert Lembke hat uns eines Tages ganz erbost angerufen. Er hatte als Fußballfan unsere Bundesligaseiten genutzt und sich entsprechend unserer Spielansetzungen einen Flug gebucht. Leider war das Datum auf unserer Seite falsch.“