Hier ist scheinbar alles okay. Der Rasensprenger wässert, die Kaffeemaschine kocht. Doch das Kinderbett – ist leer. Wo ist Emil?
Meine Güte, vielleicht ist er einfach früher als sonst aufgestanden und zur Schule geradelt, denkt man sich. Doch der Gesichtsausdruck von Emils Mutter Judith Kovacic verdrängt jede Gelassenheit. Laura Tonkes Mimik und Gestik sind durchdrungen von tiefer Sorge. Als Zuschauer spürt man durch ihr exzellentes Spiel, dass diese Mutter instinktiv ahnt, was kurze Zeit später Gewissheit wird: Emil ist tot.
Ein Kind umgebracht, eine Spur, die zu einem Parkplatz führt, der für anonyme Sextreffen berüchtigt ist – dieser letzte „Tatort“ vor der Sommerpause der Reihe (siehe Kommentar auf Seite 2) hätte zum voyeuristischen Klischee geraten können. Doch Regisseur Christopher Schier gelingt es, über das anrüchige Parkplatz-Milieu zu den wahren Abgründen hinzuleiten. Zu denen nämlich, die sich nicht in der Öffentlichkeit, sondern hinter Häuserwänden abspielen. Geschickt wechselt Kameramann Thomas W. Kiennast dafür immer wieder die Perspektive von außen auf die Häuser und in die Zimmer der zwei Familien, die im Zentrum des spannenden Films stehen. Wir hören teilweise nicht, was die Menschen einander hinter den Fenstern sagen. Dass Martin Schellenberg (Hans Löw), der Papa von Emils bestem Freund Basti, ausgerechnet mit dem Bau von Soundsystemen sein Geld verdient, mit denen man sich durch musikalische Beschallung so wunderbar von der Welt abschirmen kann, ist kein Zufall. Eine starke Szene, als sein Sohn während der Befragung von Ivo Batic (Miroslav Nemec) mit Musik auf den Ohren gedanklich abdriftet.
Die Kälte, die gerade dieser unsympathische und abgebrühte Basti (Tim Offerhaus) ausstrahlt, ist unerträglich. Wie so oft sind es die Altherren-Kabbeleien zwischen Batic und Leitmayr (Udo Wachtveitl), die den exzellenten Krimi auflockern. Das leicht Verschrobene der beiden Silberrücken macht einfach Spaß. Doch immer bleibt die gebotene Grund-Ernsthaftigkeit bei einem erschütternden Fall (mit ebenso erschütterndem Ausgang) wie diesem. Wer ist der Wolf in der Herde von Schafen, die lieber verdrängen als sich Problemen zu stellen? Die ernüchternde Antwort: Manchmal sind die Lämmchen die, vor denen man sich am meisten hüten sollte.