Als im Jahr 1966 der Film „Die Söhne der großen Bärin“ in der DDR in die Kinos kam, hatte das Land 17 Millionen Einwohner. Fast zehn Millionen davon haben sich den ersten Ost-Western angesehen und damit den jungen jugoslawischen Hauptdarsteller Gojko Mitic zum größten Star des dortigen Kinos gemacht. Der damals 26-Jährige war unverhofft „Chefindianer der DDR“ und blieb es über Jahrzehnte.
Mitic, der an diesem Samstag 80 Jahre alt wird, war von Haus aus kein Schauspieler, sondern Sportstudent, der zufällig in das Filmgeschäft geraten war. Als Anfang der Sechzigerjahre viele Filme, darunter auch die westdeutschen „Winnetou“-Streifen, im damaligen Jugoslawien gedreht wurden, suchten die Produktionsfirmen Einheimische als Statisten – ein begehrter Job, es gab Devisen zu verdienen. Mitic mit seinem dunklen Teint und der athletischen Figur wurde als Indianer in „Unter Geiern“ besetzt, dann auch in „Winnetou II“. Weil er gut mit Pferden konnte und sportlich war, wurde er auch als Stuntman eingesetzt und fiel als zuverlässiger und fotogener Darsteller auf.
Als man in der DDR angesichts des gigantischen Erfolgs der „Winnetou“-Reihe etwas Vergleichbares auf die Beine stellte, wurde ein Hauptdarsteller für den edlen Häuptling gesucht, und man empfahl den jungen Mitic. Der bewährte sich aus dem Stand, auch wenn er immer synchronisiert wurde. Dabei konnte Mitic gut Deutsch, aber die DDR-Filmproduzenten störten sich am slawischen Akzent.
Anders als Winnetou, der als Filmfigur vor allem ein deutsches Phänomen blieb, wurden „Die Söhne der großen Bärin“ und die Nachfolger auch international erstaunlich erfolgreich. Laut Mitic lag das auch daran, dass Indianer authentischer gezeigt wurden als in westlichen Werken. Die Perspektive war eine völlig entgegengesetzte. Hier waren die Indianer die Freiheitskämpfer, die sich gegen fremde Besatzer, die praktischerweise Amerikaner waren, wehrten und für ihre Rechte eintraten. Das totale Gegenbild zum Western. Das gefiel in den unruhigen Sechzigern auch anderswo, und Mitic war im weltweiten Vergleich viel bekannter als der „Winnetou“ des Franzosen Pierre Brice (1929–2015). Der Schauspieler ging damit erstaunlich souverän um. Der Bauernsohn aus dem Süden Serbiens blieb bescheiden, fleißig und vor allem – er blieb in der DDR. Das rechneten sie ihm hoch an im Osten, er war – und ist – nicht einfach nur ein Star, sondern eine Kultfigur, die heute noch jeder kennt.
Für Mitic war es eine ideale Situation. In der überschaubaren DDR genoss er als Filmstar Privilegien und konnte dennoch vergleichsweise normal leben. Und mit dem jugoslawischen Pass konnte er nach Belieben im Westen und im Osten reisen. Auch als im Jahr 1989 – da war er 49 – die DDR fiel, blieb er, obwohl es erst einmal vorbei war mit den großen Aufträgen. Aber zurück in die alte Heimat wollte er nicht. Mitic, der sich immer noch als Jugoslawe versteht, konnte mit den Stammeskriegen zu Hause und dem provinziellen Nationalismus auf dem Balkan nichts anfangen. Also biss er sich im wiedervereinigten Deutschland durch, war sich auch für tägliche Seifenopern wie „Verbotene Liebe“ nicht zu schade.
Langsam machte er sich auch im Westen einen Namen, nicht zuletzt bei den Karl-May-Festspielen im schleswig-holsteinischen Bad Segeberg, bei denen er von 1992 bis 2006 endlich einmal „Winnetou“ sein konnte – als direkter Nachfolger von Pierre Brice übrigens. Die beiden haben immer sehr freundlich übereinander gesprochen, wahrscheinlich weil sie in gewisser Weise dasselbe Schicksal teilten.
Zu seinem runden Geburtstag hat sich Mitic, der immer noch beneidenswert fit auftritt, große Elogen verbeten. Der Nichtraucher und mäßige Trinker (für einen Einwohner der südosteuropäischen Halbinsel außerordentlich ungewöhnlich) möchte einfach ruhig zu Hause in Berlin-Köpenick feiern, wo er seit Jahrzehnten lebt. Morgens zieht er mutmaßlich wie immer im Flüsschen Dahme seine Bahnen („Im Frühjahr der Erste, im Herbst der Letzte“) und begeht dann diskret seinen Geburtstag wie es seine Art ist. Es sei ihm vergönnt, dem ostdeutschen Häuptling aus Jugoslawien, den auch die echten Indianer ziemlich gern mögen. ZORAN GOJIC