Ein Boot treibt vor der Küste Sløborns. Noch ahnt keiner, dass die beiden Weltenbummler, die leblos an Deck liegen, an einem gefährlichen Virus gestorben sind. Die lautlose Gefahr, die sich rasend auf der Nordseeinsel ausbreitet, fordert bald weitere Opfer. Mit „Sløborn“ stürzt sich Christian Alvart in ein apokalyptisches Serienabenteuer. Als Ideengeber, Regisseur, Co-Autor und Produzent ist der 46-Jährige damit seiner Zeit voraus. Von Corona war noch lange keine Rede, als er im Spätsommer 2019 mit dem Dreh auf Norderney begann. Ab heute um 20.15 Uhr zeigt ZDFneo die achtteilige Serie, die unserer Realität erschreckend nah kommt.
Als Filmemacher spielen Sie mit den Ängsten des Publikums. Wovor fürchten Sie sich?
Tatsächlich macht mir der Mob Angst. So eine sich selbst verstärkende Volksmenge, bei der auf einmal aus dummen Ideen harte Fakten werden. Es gab vor Kurzem in Südamerika einen Fall, bei dem angebliche Kinderschänder in der Polizeiwache gefangen gehalten wurden, sich der Mob formiert und die Herausgabe erzwungen hat. Die Verdächtigen, die, wie sich später herausstellte, unschuldig waren, wurden gelyncht. Dieses Bedürfnis, sich selbst in einer Gruppe aufzulösen und sich von Gewalt anstecken zu lassen, setzt in mir große Ängste frei.
Das Szenario in Ihrer Serie ist ebenfalls zum Fürchten. Was hat Sie inspiriert?
Die Idee entstand 2008, als ich in Hollywood war. Damals bedrohte die Schweine-grippe Kalifornien. Ein apokalyptisches Szenario, bei dem bizarrerweise der Alltag weiterlief wie bisher. Diese menschliche Eigenschaft, die vielleicht auch gut sein mag, Katastrophen nicht zu ernst zu nehmen, brachte mich ins Grübeln. Weil es eben auch hochgefährlich sein kann, sich von Lethargie oder Naivität leiten zu lassen.
Sie erzählen die Serie aus der Perspektive einer Dorfgemeinschaft …
Wir haben ganz bewusst nicht das Bundeskanzleramt oder das Robert-Koch-Institut gewählt. Die Unwissenheit ist die DNA der Geschichte. Die Serie zeigt Leute wie du und ich, die sich im Laufe der Story immer wieder fragen müssen: Worauf verlasse ich mich, wie viel Verantwortung trage ich selbst, und wie viel gebe ich ab? Das fand ich extrem spannend.
In der Postproduktion wurden Sie von der Realität eingeholt. Was war das für ein Gefühl?
Wir waren durch den Stoff sehr sensibilisiert. Während wir im Schnitt saßen, gab es erste Berichte von Corona in Asien. Es gibt da eine Beerdigungsszene im Film, in der die Menschen Masken tragen und Abstand halten müssen. Beim Dreh kam uns das gruselig und weit weg vor. Mittlerweile ist das Alltag.
Glauben Sie, dass die Zuschauer schon bereit sind für eine Serie, die dieses Katastrophenszenario nachzeichnet?
Bis vor Kurzem war das Interesse an solchen Stoffen groß. Hier hat man Gelegenheit, das eigene Verhalten mit dem der Protagonisten in Extremsituationen abzugleichen. Und das Virus in der Serie ist ja noch um einiges tödlicher als Corona. Als Geschichtenerzähler, der gehört werden will, wünsche ich mir sehr, dass sich die Zuschauer auf diese Idee einlassen.
Interview: Astrid Kistner