Riese im Ruhestand

von Redaktion

Dominik Wesselys sehenswertes Porträt des Schauspielers Mario Adorf bei Arte

VON DIETER PAUL ADLER UND RUDOLF OGIERMANN

Das sei ein „spontaner Versuch“ gewesen, erinnerte sich Mario Adorf im vergangenen Jahr in einem Gespräch mit unserer Zeitung an seine Bewerbung an der Otto Falckenberg Schule im Jahr 1953 – seine erste kurze Begegnung mit München, das seine zweite Heimat werden sollte. Adorf wurde aufgenommen, obwohl er, wie er verriet, beim Vorsprechen von der Bühne fiel. Aus dem Lebenslauf, den er damals für seine Bewerbung verfasste und der sich heute wieder in seinem Besitz befindet, liest der Schauspieler auch in Dominik Wesselys Porträt „Es hätte schlimmer kommen können“, das der deutsch-französische Kultursender Arte heute um 21.50 Uhr zeigt.

Ein Titel, der viel aussagt über die Lebenseinstellung des Mannes, der als Kind einer alleinerziehenden Mutter in ärmlichen Verhältnissen im rheinland-pfälzischen Mayen in der Eifel aufwuchs und einige Zeit im Kinderheim verbringen musste, weil es zuhause nicht genug zu essen gab. Adorf boxte sich – buchstäblich – durch, und kann heute, mit fast 90 Jahren, auf eine einzigartige Karriere zurückblicken. Es gibt in Deutschland wohl kaum jemand, der den Mann mit dem weißen Haar, dem verschmitzten Blick und der sanften Stimme noch nie im Film oder auf der Bühne gesehen hat.

Nach welchen Kriterien hat er seine Rollen ausgesucht? Was fasziniert ihn an der Schauspielerei? Warum hat er so häufig Bösewichte verkörpert? Was hat ihn so an seinem Beruf gefesselt? Antworten auf diese Fragen gibt eine Reise zu Stationen seines Lebens, nach Mayen beispielsweise, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte, wo er den Nationalsozialismus erlebte, seine Zeit bei der „Hitlerjugend“ und die Bombennächte im Bunker. Erfahrungen, die ihn geprägt haben.

Regelmäßig pendelt der Schauspieler, der mehrere Sprachen fließend spricht, noch heute zwischen seinen Wohnorten in München-Schwabing, Paris und St. Tropez, wo er seit Jahren mit seiner französischen Frau Monique ein Domizil hat. Als Sohn eines Italieners, dem er nur einmal in seinem Leben begegnete, trifft das Kamerateam Adorf auch in Rom, der Stadt, in der er 30 Jahre seines Lebens verbrachte.

Seinen internationalen Durchbruch hatte Mario Adorf mit dem Film „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957) von Robert Siodmak. Seitdem hat er in über 200 Filmen gespielt, unter anderem unter der Regie von Wolfgang Staudte, Sam Peckinpah, Billy Wilder, Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder und John Frankenheimer. In einem Treffen mit der Regisseurin Margarethe von Trotta lässt Mario Adorf die Dreharbeiten zu „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) wieder lebendig werden. Die Rolle des Kommissars habe er unbedingt spielen wollen, so Adorf: „Wir wollten für diesen Stoff etwas tun.“ Dafür habe er auch bei der Gage Kompromisse gemacht.

Auf dem Dach des Hotels Bayerischer Hof in München trifft Mario Adorf schließlich seine Kollegin und langjährige Freundin Senta Berger. Gemeinsam erinnern sie sich an Dreharbeiten in Mexiko, an eigenwillige Hollywoodproduzenten, aber auch an Helmut Dietls legendäre Fernsehserie „Kir Royal“ (1986) über den Klatschreporter Baby Schimmerlos, aus der Adorfs wohl berühmteste Dialogzeile stammt: „Ich scheiß disch zu mit meinem Jeld!“ Im Gegensatz zum Klebstofffabrikanten Heinrich Haffenloher im Film habe er selbst nie zur Münchner Schickeria gehören wollen, betont der Star.

Dominik Wesselys sehr sehenswertes Porträt verschafft den Zuschauern viele Einblicke in die Karriere eines Ausnahmeschauspielers, sein privates Leben, seine Beziehungen, seine Sicht auf die Welt und auf die Politik, seine Reflexionen über den Abschied von der Theaterbühne, seinen Ruhestand und das Alter. Auch der Tod bleibt im Gespräch nicht ausgespart. Er glaube nicht an ein Jenseits, sagt Adorf, allerdings sei der Tod ohne den Glauben an ein ewiges Leben schwieriger ins Auge zu fassen: „Da müssen wir jetzt mal sehen…“

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