Bayern sind unerschrockener

von Redaktion

Mehr als die Hälfte der Journalisten im Freistaat hat schon Hass erlebt, die Mehrheit hat aber keine Angst

VON CHRISTINE ULRICH

Aggressionen gegen Journalisten, Beleidigungen, Morddrohungen sind schon lange keine Einzelfälle mehr. Rund 60 Prozent der Mitarbeiter von Zeitungen, Zeitschriften und Online-Medien in Bayern sind mit Hass und verbalen Angriffen konfrontiert – ähnlich viele wie in anderen Bundesländern. Das zeigt eine Sonderauswertung der nicht repräsentativen Studie „Hass und Angriffe auf Medienschaffende“, die das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld erstellt hat und die am Mittwoch vorgestellt wurde. Bei der Strafverfolgung von „Hate Speech“ hingegen steht Bayern offenbar besser da als das übrige Deutschland. Körperliche Angriffe erlebten im Befragungsjahr 2019 lediglich knapp zwölf Prozent der Journalisten in Bayern, im Vergleich zu gut 17 Prozent in anderen Regionen.

Fünf Befragte aus Bayern geben in der Studie an, eine Strafanzeige wegen sogenannter Hassrede gestellt zu haben. In allen fünf Fällen folgten polizeiliche Ermittlungen, in zwei Fällen kam es zur Verurteilung. In den anderen Bundesländern sei die Kluft zwischen Anzeigen und Verurteilungen viel größer. Demnach wurde 24 Mal von Betroffenen Anzeige erstattet, in 16 Fällen kam es zu polizeilichen Ermittlungen, in nur drei Fällen folgte eine Verurteilung.

Laut den Befragten bieten die bayerischen Zeitungen öfter juristischen Beistand an – 70 Prozent im Vergleich zu 58 Prozent in den übrigen Bundesländern. Von eigens eingerichteten Stellen, die Publikumsbeiträge kontrollieren, berichten 63 Prozent der bayerischen Journalisten, in den übrigen Bundesländern waren es nur 57 Prozent. Eine Anlaufstelle innerhalb der Redaktion sowie Schulungsangebote zum Thema und Austausch mit Experten gibt es laut den Befragten in Bayern allerdings seltener als im Rest Deutschlands.

Die häufigsten Angriffe erlebten Journalisten aus Bayern per Mail (59 Prozent) und über Soziale Netzwerke wie Facebook (54 Prozent), gefolgt von Leserbriefen und Kommentarfunktionen (jeweils 28 Prozent) sowie persönlich (22 Prozent). Rund 96 Prozent der Befragten vermuten bei den Angreifern eine politische, 15 Prozent eine religiöse Motivation. Politisch verorten 76 Prozent der Befragten ihre Angreifer im rechten, acht Prozent im linken Spektrum.

Im Bundesvergleich sind Journalisten aus Bayern laut Studie unerschrockener. So haben 58 Prozent eher wenig bis gar keine Angst vor mehr Über- und Angriffen (Bund: 47 Prozent). Darüber hinaus haben 32 Prozent wenig bis kein Verständnis für Kollegen, die aus Sorge vor Angriffen über bestimmte Themen nicht berichten wollen (Bund: 22 Prozent). Allerdings sehen rund 61 Prozent die Freiheit und Unabhängigkeit journalistischer Arbeit durch aggressive Leserinnen und Leser zunehmend bedroht, was in etwa auch der Bundesschnitt ist.

An der nicht repräsentativen Befragung Ende vergangenen Jahres hatten 322 in Deutschland arbeitende Journalisten teilgenommen, 76 davon gaben an, überwiegend in Bayern zu arbeiten. Sie waren durchschnittlich 52 Jahre alt, knapp 62 Prozent waren Männer und gut 94 Prozent ohne Migrationshintergrund. Im Schnitt arbeiteten die Befragten seit gut 25 Jahren als Journalisten. Rund 61 Prozent waren bei Zeitungen tätig, 38 Prozent bei Zeitschriften und 26 Prozent ausschließlich für Online-Medien.

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