Ost und West, Nord und Süd, E oder U, Theater, Kino oder Fernsehen – den Schauspieler Michael Gwisdek kannte wirklich jeder. Schon als kleiner Junge träumte er davon, so wie James Dean oder Horst Buchholz auf der Leinwand zu erscheinen. Seine Mutter vererbte dem Sohn die Begeisterung für den Film, und schon vor dem Mauerbau pilgerte die Gastwirtsfamilie aus Berlin-Weißensee regelmäßig in die Kinos, egal in welchem Sektor der Stadt sie lagen.
Vom brennenden Wunsch des Sohnes, Schauspieler zu werden, waren die Eltern allerdings nicht sehr angetan und drängten erst einmal zur Lehre als Dekorateur. Parallel trat er am Arbeitertheater Friedrichshain auf und absolvierte ein Regiestudium am Theaterinstitut Leipzig, ehe er an der Staatlichen Schauspielschule Ernst Busch angenommen wurde. Anschließend stand er auf diversen Bühnen der DDR, vom Städtischen Theater in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) bis zur Volksbühne Berlin.
Besonders sein komödiantisches Talent war überall gefragt, sein bis ins hohe Alter absolut perfekte Gespür fürs Timing und für die wohl gesetzte Pointe. Noch während der reale Sozialismus existierte, spielte Gwisdek in vielen Spielfilmproduktionen mit, etwa in „Spur des Falken“ und „Mann gegen Mann“. Als Titelheld in dem regimekritischen und daher damals zensierten Boxerdrama „Olle Henry“ erhielt er 1983 den DDR-Kritikerpreis „Große Klappe“. Auch als Regisseur war Gwisdek erfolgreich. Sein Regiedebüt „Treffen in Travers“ lief 1988 als erster DDR-Film beim Filmfestival in Cannes, mit seiner damaligen Frau Corinna Harfouch in der Hauptrolle. Die historische Inszenierung aus der Zeit der Französischen Revolution ließ sich gut als Bezugspunkt zu den lähmenden letzten Monaten der DDR sehen.
Im Gegensatz zu vielen Kollegen gelang es Gwisdek, seinen Defa-Ruhm auch ins wiedervereinigte Deutschland zu retten. Er wurde zu einem geschätzten Ensemblespieler. So sah man ihn in Wolfgang Beckers Tragikomödie „Good Bye, Lenin!“ (2003) als Schuldirektor Klapprath oder zuvor in der „Bubi Scholz Story“ als Manager Lado Taubeneck (1998). Für seinen Part in Andreas Dresens „Nachtgestalten“ erhielt er 1999 bei der Berlinale den Silbernen Bären als bester Darsteller. Weitere Trophäen vom Deutschen Filmpreis über die Lola bis hin zum Grimme-Preis kamen hinzu.
Dabei waren ihm Ruhm und Rampenlicht nicht allzu wichtig. Seine Rollen suchte er sich weniger nach prominenten Kollegen oder großen Stoffen aus, sondern lieber nach dem Lustprinzip. Das waren dann eben mal Kinofilme mit großem Team wie Matti Geschonnecks „Boxhagener Platz“ und Oskar Roehlers Houellebecq-Adaption „Elementarteilchen“ oder aber Jan-Ole Gersters „Oh Boy“, anschließend wieder Krimi, Komödie, Kinderfilm oder Schmonzette. Nacheinander drehte er zum Beispiel 2005 für Heinrich Breloer „Speer und Er“ und im Anschluss „Nette Nachbarn küsst man nicht“.
So einen Spagat bringt nicht jeder fertig. Aber der vielseitige und absolut uneitle Gwisdek, der mit seiner zweiten Frau Gabriela seit Langem in der Mark Brandenburg lebte, war sich auch für den größten Schmarrn nicht zu schade. „Mir ist wichtig, mit welchen Leuten ich meine Zeit verbringe“, gestand er einmal in einem Interview. Wenn das Drama nicht allzu spannend war, aber die Mitstreiter inspirierend und unterhaltsam, dann war Gwisdek mit dabei. „Charakterdarsteller würde ich gerne genannt werden“, wünschte er sich. Von Herzen gerne.