Kreuz und queer

von Redaktion

In der ARD-Mediathek läuft ab morgen „All you need“, eine Serie über den Alltag schwuler Männer

VON CORNELIA WYSTRICHOWSKI UND RUDOLF OGIERMANN

Er liebt ihn, er liebt ihn nicht – das amouröse Alltagsleben von vier schwulen jungen Männern in, wo sonst, Berlin steht im Mittelpunkt der diversen Dramedy „All you need“ – die Comedyserie ist quasi die homosexuelle Antwort auf „Sex and the City“, oder, aus bayerischer Sicht, auf „Servus Baby“. Dreh- und Angelpunkt der Handlung sind die Abenteuer des sympathischen Nachtschwärmers und Dauerstudenten Vince (Benito Bause, Ensemblemitglied am Bayerischen Staatsschauspiel). Der versucht, im Großstadtdschungel sein kompliziertes Liebesleben auf die Reihe zu kriegen. Die ARD zeigt den queeren, komischen, aber durchaus auch emotionalen Sechsteiler über die urbane Schwulenclique ab morgen vorerst ausschließlich in ihrer Mediathek.

Die erste der nur jeweils zwanzigminütigen Episoden beginnt schon mit einer expliziten Szene. Vince wird von Freunden dabei erwischt, wie er in eindeutiger Weise mit sich selbst beschäftigt ist, und geht danach in einen Club, wo ein buntes Völkchen die Nacht zum Tag macht. Er spricht den gut aussehenden Robbie (Frédéric Brossier) an und hat mit dem jungen Fremden schnellen Sex auf der Toilette.

Aus dem One-Night-Stand wird rasch mehr. Robbie wünscht sich sogar eine feste Beziehung ohne Seitensprünge – doch mit der Treue hat Vince ein Problem, denn da gibt es ja noch Levo (Arash Marandi). Der hat sich lange mit Vince eine WG geteilt, aber jetzt ist er zum Familienvater Tom gezogen, der sich erst spät geoutet hat.

Vier homosexuelle Charaktere als Serienhelden – das sei auch im Jahr 2021 noch nicht selbstverständlich, sagt Autor und Regisseur Benjamin Gutsche („Arthurs Gesetz“). Noch immer würden im deutschen Fernsehen Charaktere aus der LGBTQI-Community hauptsächlich als Nebenfiguren erzählt: „Ich freue mich, dies mit ,All you need‘ ändern zu können. Und das ist hoffentlich nur der Anfang.“

Tatsächlich schafft es „All you need“, die Thematik ernst zu nehmen und zugleich heiter zu behandeln, ohne bemühte politische Korrektheit. Die Serie funktioniert als unverklemmter Spaß über Gefühle und Sexualität in Zeiten von Tinder – beziehungsweise „Grindr“, wie eine beliebte Dating-App für Schwule heißt. Stets schwingt aber die Einsicht mit, dass die Suche nach Liebe und Geborgenheit zeitlos und unabhängig von sexueller Orientierung ist.

Produziert wird „All you need“ übrigens von der Ufa, die sich neulich öffentlichkeitswirksam eine Selbstverpflichtung auferlegte. Bis zum Jahr 2024 soll in den Produktionen die Diversität so abgebildet werden, wie es dem Zensus der Bundesrepublik entspricht – und zwar vor und hinter der Kamera.

Dass die Produktionen dann auch immer den Weg ins lineare Fernsehen finden werden, ist damit allerdings nicht gesagt. Einstweilen sucht man die (junge) Zielgruppe lieber von vorneherein im Netz. „,All you need‘ wurde gezielt für die ARD-Mediathek entwickelt und produziert, um mit dieser Serie Aufmerksamkeit zu erzeugen und Zuschauerinnen und Zuschauer zu erreichen, die wir im Ersten bislang noch nicht gewinnen konnten oder verloren haben“, heißt es dazu auf Anfrage unserer Zeitung.

Artikel 2 von 2