Der Kampf ums Kanzleramt als TV-Spektakel

von Redaktion

Mit Duellen, Triellen, Einzelinterviews und Wahlshows wollen die Sender den Kandidaten auf den Zahn fühlen

VON CHRISTINA DENZ

Wer beerbt Kanzlerin Angela Merkel? Klar, Annalena Baerbock (Grüne), Olaf Scholz (SPD) und Armin Laschet (CDU) wollen das Rennen um das Amt bei der Bundestagswahl am 26. September für sich gewinnen. Die TV-Sender, denen alle drei Spitzenkandidaten zugesagt haben, haben dafür die neue Form des „Triells“ erfunden. Sprich: Alle drei werden parallel befragt und in die journalistische Mangel genommen. Die anderen Sender bleiben beim „Duell“ oder fühlen in Einzelinterviews den Kanzleramts-Aspiranten auf den Zahn. Wie ProSieben: Zwar sagte Laschet die Teilnahme an der großen „ProSieben-Bundestagswahl-Show“ ab. Baerbock aber ist am 1. September und Scholz am 15. September jeweils um 20.15 Uhr in der Wahlkampfsause dabei, die „unkonventionell, direkt, spontan“ sein will.

Das Konzept: Moderator Louis Klamroth will mit Unterstützung von Bürgern aus den Kandidaten herauskitzeln, „wie spontan, souverän, sympathisch und kompetent“ sie sind. „Bei klassischen Wahlkampf-Auftritten im TV spulen Politik-Profis oft gebetsmühlenartig das gleiche Programm ab. Das langweilt“, ließ Klamroth verlauten. Überhaupt scheinen sich die privaten TV-Sender dem Ziel verschrieben zu haben, den Kanzlerkandidaten im Fernsehen Lustiges, Persönliches, Unterhaltsames oder Dramatisches zu entlocken – auf alle Fälle Sätze, die sie seit ihrer Nominierung noch niemandem gesagt haben.

RTL sieht sich bereits am 29. August um 20.15 Uhr im Quotenrennen in der Pole Position und kündigt ganz unbescheiden „das erste Triell in der politischen Geschichte Deutschlands“ an. Das mag auch daran liegen, dass es das Wort „Triell“ bislang nicht in den Duden geschafft hat. Dabei übersieht RTL jedoch, dass die drei Kandidaten bereits am 20. Mai im WDR aufeinandertrafen und über ihre europapolitischen Vorhaben diskutierten. RTL spricht dennoch von „echtem Mehrwert“ für die Zuschauer und verspricht einen „spannenden, aufregenden TV-Abend“.

Spannung will auch Sat.1 im Wahlkampf erzeugen – und adaptierte dafür das international erprobte Format „Facing the Classroom“ als „Kannste Kanzleramt? Baerbock, Laschet und Scholz zurück in der Schule.“ 16 Schülerinnen und Schüler nehmen dabei die Kandidaten ins Kreuzverhör und stellen Fragen, die junge Menschen umtreiben. Die Sendung am 9. September ist ein Zusammenschnitt der jugendlichen Inquisition, in der die Kandidaten nacheinander antreten. „Schaffen es Scholz, Laschet und Baerbock, den Kindern ihre politischen Vorhaben und Ziele griffig und verständlich zu erklären?“, fragt Sat.1 und erinnert so ein wenig an „Das große Backen“: „Du bist Deutschlands bester Hobbybäcker? Dann beweise es in der nächsten Staffel.“

Wem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach der Wahl den Staffelstab übergibt, dramatisiert der TV-Sender Welt zum „Kampf ums Kanzleramt“. Ein „Triell“ allerdings kommt im Kanal des Springer-Konzerns nicht vor. Der Sender befragt Olaf Scholz und Armin Laschet jeweils in Einzelinterviews, Scholz am 11. August um 20 Uhr, Laschet am 13. September um 14 Uhr.

Dazwischen duelliert sich die zweite Reihe: SPD-General Lars Klingbeil mit dem Chef der Jungen Union, Tilman Kuban, Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus (CDU) mit Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht, Linken-Fraktionschef und Spitzenkandidat Dietmar Bartsch mit FDP-Chef Christian Lindner sowie CDU-Herausforderer Friedrich Merz mit Grünen-Abgeordnetem Cem Özdemir. Das erste Duell lief bereits – zwischen FDP-Politiker Wolfgang Kubicki und Klima-Aktivistin Luisa Neubauer.

Ein echtes „Triell“ gibt es wieder am 12. September um 20.15 Uhr im Ersten und im ZDF: 90 Minuten lang befragen ZDF-Moderatorin Maybrit Illner und ARD-Chefredakteur Oliver Köhr die drei Kanzlerkandidaten vor laufender Kamera. Details dazu will der Sender noch bekannt geben. Klassisch geht es bei den Öffentlich-Rechtlichen auch am 23. September zu: Um 20.15 Uhr laden die Hauptstadtstudiochefs Tina Hassel (ARD) und Theo Koll (ZDF) zur Vor-Wahl-Elefantenrunde mit den Spitzenkandidaten aller im Bundestag vertretenen Parteien.

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