Viele Bosse der Unterhaltungsbranche treffen sich aktuell an der Côte d‘Azur. Auf der weltgrößten Fernsehmesse MIPTV (Marché International des Programmes de Télévision) im französischen Cannes ist der Hunger nach attraktiven Filmen und Serien riesig. „Die Streaming-dienste sind dazu gezwungen, möglichst schnell neue Inhalte, Trends und Ideen zu identifizieren und zu kaufen, um im harten Wettbewerb zu bestehen“, sagt MIPTV-Chefin Lucy Smith. Denn nur, wenn das Angebot attraktiv bleibt, wird Netflix und seinen Konkurrenten die zahlende Kundschaft erhalten bleiben. Eine große Herausforderung sei es, die Abonnenten zu halten und die Wachstumsraten weiter zu steigern. Ein schier unmögliches Unterfangen.
Das Corona-Jahr 2020 mit seinen Lockdowns brachte zwar rekordverdächtige Zahlen, so konnte Netflix nach eigenen Angaben 37 Millionen neue Abonnenten gewinnen, und der Newcomer Disney plus erreichte laut seiner Bilanz innerhalb von nur 16 Monaten 100 Millionen Neukunden. Doch damit scheint jetzt der Höhepunkt des Streamingbooms erreicht. Der aktuelle NPAW Video Streaming Industry Report beispielsweise belegt, dass der Video-on-Demand-Konsum bei den befragten Streaminganbietern 2021 im Vergleich zum Vorjahr durchschnittlich um neun Prozent zurückgegangen ist. Und das Beratungsunternehmen Deloitte prognostizierte, im laufenden Jahr würden weltweit mehr als 150 Millionen Menschen ihr kostenpflichtiges Abo kündigen.
In Zeiten der Inflation und steigender Lebenshaltungskosten sitzt das Geld nicht mehr so locker. Außerdem drängen immer mehr Anbieter auf den Markt und versuchen, sich gegenseitig das Publikum wegzunehmen. Und selbst bei der Masse an Konsumenten rechnen sich die hohen Investitionen in die teuren Produktionen immer noch nicht. Netflix etwa wird demnächst seinen bisher teuersten Film veröffentlichen – „The Gray Man“ mit Ryan Gosling, die Geschichte um einen Auftragskiller, hat 200 Millionen Dollar gekostet. Es ist vorhersehbar, dass bei solch einem harten Verdrängungswettbewerb Anbieter auf der Strecke bleiben werden. Zumal sich bei dem immensen Ausstoß an hochwertigen Produktionen die Frage stellt, wer überhaupt noch Zeit hat, sich das alles anzuschauen.
„Wie viel Investment können die Streamer verkraften, um die kostspieligen Produktionen zu finanzieren?“, kommentierte Nico Hofmann die Situation. Aus Sicht des Ufa-Chefs („Unsere Mütter, unsere Väter“) hängt das auch davon ab, wo das Geld herkommt: „Bei Amazon sind das andere Quellen als etwa bei Netflix oder Disney plus.“ Nicht nur in seinen Erwägungen stellt sich die Frage, wie viel Talent und Fachpersonal überhaupt noch am Markt vorhanden ist, um weiterhin die Inhalte zu realisieren. Hofmann jedenfalls, der für sämtliche Streamingdienste produziert, wird Cannes besuchen, um dort noch mehr Programme anzustoßen, die er auf dem Weltmarkt erfolgreich vermarkten möchte.
Die MIPTV zeigt, was schon bald in Millionen Wohnzimmern über die Bildschirme flimmert. Nach zwei Jahren Pandemie-Pause werden über 5000 Verantwortliche von Sendern, Produktionsfirmen, Programmvertrieben, Internetplattformen und Medienkonzernen aus aller Welt an der Côte d‘Azur erwartet.