Zum Schluss des Films wird mal wieder die Rechnung aufgemacht, und sie ist eine ziemlich einfache. Geschätzt fünf bis zehn Prozent der Weltbevölkerung sind homosexuell, aber von den rund 500 000 Menschen, die in 190 Ländern mit Profifußball ihr Geld verdienen, sollen es gerade einmal sieben sein? Nach wie vor erfolgen die Coming-outs sehr zögerlich.
Dass es viel, viel mehr Schwule gibt im Fußball, kann Tatjana Eggeling bestätigen, die in ihrer Praxis den Betroffenen hilft, die, wie sie sind, für sich behalten wollen. Oder der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati, der einst einen Suizidversuch beging, als er sich vom Geschäft Fußball erdrückt fühlte und heute Vorträge zu Präventionsstrategien hält. Er sagt: „Man wird staunen, wie viele homosexuelle Spieler in der Bundesliga sind“, er geht von „drei, vier Spielern pro Kader“ aus. Marcus Urban, der ein Talent des DDR-Fußballs war und als erster klassenhöherer Spieler in Deutschland über seine sexuelle Orientierung sprach, ergänzt: „Faszinierend, wie viele Spieler es sind – auch wie viele gute.“
Die Statements entstammen dem Film „Das letzte Tabu“, der jetzt beim Streamingdienst Amazon Prime zu sehen ist. Aber es geht dabei nicht um das Bedienen eines in der Wer-ist-schwul-Frage noch immer sensationslüsternen Publikums, sondern um die Erklärung, warum der Fußball nahezu jedem anderen Bereich des gesellschaftlichen Lebens hinterherläuft – und was das mit denen macht, die ihr wahres Leben vor Teamkollegen und Fans verstecken. Davon berichten dann die, die sich irgendwann entschieden haben: Ich sag’s.
Der hierzulande bekannteste, Thomas Hitzlsperger, tat es erst, als er die Zeit als Spieler hinter sich hatte, im Jahr 2014. Hitzlsperger sagt, er habe, als für ihn 2010 feststand, „dass ich anders empfinde als meine Kollegen“, und es ihn beschäftigte, „wie ich mit meiner Homosexualität umgehe“, an den Fall Justin Fashanu gedacht. Der erzielte 1980 in England das Tor des Jahres, war der erste schwarze Fußballer, der für eine Ablöse von mehr als einer Million Pfund den Verein wechselte (von Norwich City zu Nottingham Forest). Fashanu liebte Männer, verkehrte in einschlägigen Bars. Sein Trainer Brian Clough diskriminierte ihn („Du bist eine verdammte Schande“), 1990 informierte Fashanu die Öffentlichkeit über seine Homosexualität, er fand keinen Verein mehr, wurde vom eigenen Bruder verstoßen; 1998 erhängte sich Justin Fashanu in einer Garage in London, mit 37.
Seine Nichte Amal Fashanu, die eine Stiftung gründete, und der Menschenrechtsaktivist Peter Tatchell, der einige Zeit Lebenspartner von Justin Fashanu war, sind die beeindruckenden Protagonisten der aufwendigen und hochwertigen Produktion von Manfred Oldenburg (drehte auch den Kinofilm über Toni Kroos), die ein weiteres Glanzstück in der Reihe der Amazon-Sportdokumentationen ist. Sie begleitet Thomas Hitzlsperger nach Bilbao, wo ihn der Club Athletic zum Botschafter ernennt, und nach London, wo er sich mit Jungprofi Jake Daniels austauscht, der schon mit 18 und zu Beginn seiner Karriere sein Coming-out wagt. Ein neuer Weg. Es besteht durchaus Hoffnung, dass besagtes letztes Tabu aufgebrochen wird und der Fußball zur Normalität findet.
Vergangenes Jahr entschloss sich der tschechische Nationalspieler Jakub Jankto (Sparta Prag) zum Coming-out, und obwohl die tschechische Gesellschaft als homophob gilt, geschah – nichts. Sie nahm es gelassen hin. Und in den USA trug sich 2020 Beeindruckendes zu. Die Mannschaft von San Diego Loyal verließ geschlossen das Feld, als ihr bekennend schwuler Spieler Collin Martin von einem Gegner beleidigt wurde und der Schiedsrichter das nicht ahnden wollte. San Diego führte gegen Phoenix 3:0, daraus wurde am Grünen Tisch ein 0:3 und die Aufstiegsmöglichkeit war verwirkt. Prinzipien und Solidarität standen über dem Ertrag. Trainer des Clubs aus San Diego war damals übrigens der ehemalige Bayern-München-Profi Landon Donovan.
Doch Collin Martin sieht auch, dass die WM 2022 eben im schwulenfeindlichen Katar stattfand und unter den 32 Ländern, die teilnahmen, „es in acht ein Verbrechen ist, homosexuell zu sein“. Auch Thomas Hitzlsperger ist sich nicht sicher, ob die Akzeptanz fürs Anderssein weiter steigen wird: „Ich nehme gesellschaftliche Spannungen wahr.“