Faktentreu, unterhaltsam und meinungsstark: Mai Thi Nguyen-Kim ist die wohl bekannteste Wissenschaftsjournalistin Deutschlands. In ihrer Wissensshow „Maithink X“ beleuchtet die 36-Jährige gesellschaftlich relevante Fragen aus allen möglichen Bereichen – in der sechsteiligen neuen Staffel, die an diesem Sonntag um 22.15 Uhr bei ZDFneo startet, geht es unter anderem um Populismus, Fasten und Klima-Kipppunkte.
Die neue Staffel Ihrer Wissenschafts-Show ist Ihre Bildschirm-Rückkehr nach der Babypause. Haben Sie es vermisst, in den Medien aktiv zu sein?
Ich habe es sehr vermisst zu arbeiten. Es ist zwar schmeichelhaft, wenn Leute denken, dass ich einfach alles weiß. Aber ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, neue Sachen zu lernen – und wenn man sich eine Zeitlang nur mit einem Baby beschäftigt hat, tut es richtig gut, kognitiv wieder gefordert zu werden.
Eine Folge aus der neuen Staffel von „Maithink X“ kreist ums Thema Populismus. Wie kann man das wissenschaftlich beleuchten?
Es geht in der Sendung unter anderem um populistische Rhetorik. Es gibt diverse Scheinargumente, die auch alle einen eigenen Namen haben. Zum Beispiel das sogenannte falsche Dilemma, das derzeit in fast allen gesellschaftlichen Debatten auftaucht, etwa in Zusammenhang mit dem Nahost-Krieg – dabei wird suggeriert, dass es nur zwei extreme Haltungen an den entgegengesetzten Enden eines Spektrums gäbe und nichts dazwischen.
Ihre These ist, dass es populistische Rhetorik in allen Parteien gibt.
Ja, das ist so. Populismus ist keine eigene Ideologie, sondern eine bestimmte Art, Politik zu machen, und mit jeder beliebigen Parteipolitik verknüpfbar. Wenn man sich einer populistischen Rhetorik bedient, wird man einfach stärker wahrgenommen als mit einer differenzierten, nuancierten Haltung. Nicht alle Politiker und Politikerinnen arbeiten populistisch, aber Populismus gibt es in allen Parteien.
Aber diese Rhetorik ist nicht in allen Parteien gleich stark ausgeprägt.
Natürlich ist es in bestimmten Parteien einfacher, Beispiele zu finden. Und es gibt eben Ideologien, die zweifelsfrei demokratiegefährdend sind, und dagegen muss man natürlich etwas unternehmen. Ich finde, dass Artikel 1 unserer Verfassung, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, unser kleinster gesellschaftlicher Konsens ist – und der wird von Parteien wie der AfD angegriffen, den müssen wir wirklich verteidigen. Es ist ein Trugschluss zu sagen, dass man sich als Wissenschaftler raushalten sollte aus diesen öffentlichen Debatten, weil Wissenschaft neutral sein müsse. Manchmal muss man sich einmischen, um die Neutralität der Wissenschaft zu verteidigen.
Sie könnten sich also vorstellen, selber aktiv in die Politik zu gehen?
Na ja, Politik und Wissenschaft sind ja im Kern sehr verschieden. Ich mag an evidenzbasierten Naturwissenschaften genau das, was andere abschreckt: diese Kompromisslosigkeit. Wissenschaft ist nicht demokratisch, da gilt nicht die Mehrheit der Meinungen, sondern die Stärke der Evidenz. In meiner Welt gibt es Zahlen, Daten, Fakten. Politik finde ich da deutlich schwieriger, da habe ich Politiker und Politikerinnen um ihren Job nie beneidet. Aber man sollte natürlich niemals nie sagen.
Das Gespräch führte Cornelia Wystrichowski.