Genie im Größenwahn

von Redaktion

Francis Ford Coppola (85) stellt in Cannes sein gigantisches Lebenswerk „Megalopolis“ vor

Regisseur Francis Ford Coppola bei den Filmfestspielen in Cannes – für die Finanzierung seines Herzensprojekts „Megalopolis“ verpfändete er seine Weingüter. © Valery HACHE / AFP

Voller Durchblick? Adam Driver spielt die Hauptrolle im Sci-Fi-Verschwörungsepos „Megalopolis“. © fkn/Verleih

Keine andere Weltpremiere war heuer in Cannes mit größerer Spannung erwartet worden: Kino-Legende Francis Ford Coppola präsentierte sein gigantisches Herzensprojekt „Megalopolis“ im Wettbewerb der Filmfestspiele. 40 Jahre lang hatte er daran gewerkelt und gewurschtelt – und schließlich seine Weingüter verpfändet, weil niemand sonst ihm die Filmkosten von 120 Millionen Dollar finanzieren wollte. Nachdem er schon zwei Mal die Goldene Palme gewonnen hat (1974 für „Der Dialog“, 1979 für „Apocalypse now“), könnte der 85-Jährige damit theoretisch zum dritten Mal abräumen. Wir wagen schon mal eine vorsichtige Prognose: Das wird nicht passieren. Denn kein anderer Film hat bis jetzt das Publikum in Cannes so gespalten – die Reaktionen reichten von Faszination über Irritation bis hin zu wütenden Protesten. „The Times“ nannte den Film beispielsweise „eine hirnzerfetzende Abscheulichkeit“.

Coppola selbst bezeichnet „Megalopolis“ schlicht als Fabel und zieht in seinem von der Catalinarischen Verschwörung (63 v. Chr.) inspirierten Sci-Fi-Verschwörungsthriller Parallelen zwischen dem Untergang des Römischen Imperiums und dem Verfall der modernen westlichen Zivilisation. Die Haupthandlung kreist um den arroganten Architekten und weitsichtigen Wissenschaftler Catalina, gespielt von Adam Driver: Er hat das magische Material Megalon erfunden, das ihm geheime Macht über Zeit und Raum verleiht; er will eine utopische Stadt namens Megalopolis errichten, wird wegen des Unfalltodes seiner Frau von Gewissensbissen geplagt – und verliebt sich ausgerechnet in die Tochter seines größten Widersachers. Zahlreiche Nebenfiguren sorgen für unzählige lose herumhängende Handlungsfäden. Lesbische Fantasien stehen neben Passagen auf Lateinisch; Marc Aurel wird ebenso zitiert wie William Shakespeare (aus „Hamlet“ und „Der Sturm“, seltsamerweise nicht aus „Julius Caesar“); der Film ist mal inspirierend, mal kitschig, mal unfreiwillig komisch; er bietet billig aussehende Spezialeffekte, cartoonartig überzeichnete Figuren und grauenhaft outrierende Darsteller, allen voran Shia LaBeouf als geldgieriger Intrigant und Jon Voight als Trump-Verschnitt mit Pfeil und Bogen. Kurz: Das Ganze ist ein heilloses Durcheinander, das an der überquellenden Fülle von unausgegorenen Gedanken und Einfällen erstickt – und trotzdem hundertmal interessanter wirkt als die meisten anderen Filme in Cannes.

In der Pressekonferenz wurde Coppola gefeiert und nicht mit Kritik konfrontiert. Das Projekt sei eine große Kollaboration gewesen, berichtet der Altmeister („Nennt mich bitte Francis, lasst doch dieses Mister-Coppola-Zeugs“): Weil er vom Theater komme, sei er eine solche Arbeitsweise gewöhnt. Nicht nur am Set, sondern auch im Schneideraum habe etwa Adam Driver den Film mitgestaltet. Darauf angesprochen, dass er seine Werke im Laufe der Jahrzehnte gerne umschneide, meinte Coppola: „Nachdem ich jetzt schon an einem neuen Drehbuch arbeite, habe ich innerlich offenbar mit ,Megalopolis‘ abgeschlossen. Aber sollte ich einen Weg sehen, den Film noch ein bisschen besser zu machen, werde ich das sicher versuchen – und dann komme ich in 20 Jahren wieder hierher und präsentiere Ihnen die neue Version!“ MARCO SCHMIDT

Artikel 4 von 4