Bundestrainer in Plauderlaune: Joachim Löw (Mi.) mit den NDR-Autoren Martin Roschitz (li.) und Sven Kaulbars. © NDR
Die Fußball-Europameisterschaft im eigenen Land naht mit riesigen Schritten, und die übertragenden Fernsehsender tun alles, um mit diversen Beiträgen die Vorfreude aufs Turnier anzustacheln. Besonders gut kommt da natürlich die Erinnerung an glorreiche Fußballtage, von denen Deutschland schon lange keine mehr gesehen hat: Die vierteilige Dokuserie „Wir Weltmeister. Abenteuer Fußball-WM 2014“ lässt den Triumph der Nationalmannschaft vor zehn Jahren bei der Weltmeisterschaft in Brasilien noch einmal aufleben und erinnert an viele große Momente: Das legendäre 7:1 gegen den Gastgeber Brasilien im Stadion „Mineirao“ in Belo Horizonte etwa oder Mario Götzes Siegtor im Finale gegen Argentinien. Doch es geht in der vierteiligen Dokumentation, die ab heute in der ARD-Mediathek zu sehen ist und am Samstag um 22.30 Uhr im Ersten am Stück gezeigt wird, auch um Pleiten, Pech und Pannen auf dem Weg zum Titel.
Ex-Fußballer Benedikt Höwedes, der damals mit dabei war, führt den Zuschauer durch den Vierteiler und erzählt, was damals hinter den Kulissen des Trainingscamps „campo bahia“ in Brasilien und während der Matches der deutschen Nationalmannschaft vorgefallen ist. „Vieles sieht noch so aus wie damals“, erinnert sich Höwedes beim Besuch des Camps und zeigt der Kamera, wie Trainer Jogi Löw und seine Jungs 2014 untergebracht waren. Ergänzt werden seine Berichte durch Interviews mit Jogi Löw, Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller und anderen, die damals am Erfolg des DFB-Teams maßgeblich Anteil hatten, und natürlich gibt es schöne Archivbilder von den Spielen, mit denen die sportliche Dramatik der Weltmeisterschaft 2014 für die deutsche Mannschaft noch einmal verdeutlicht wird. So herrschte nach dem klaren Triumph über Portugal im ersten Match gleich eine so ausgelassene Stimmung in der Truppe, dass die Spieler in der Bar des „campo bahia“ die Korken knallen ließen und die Nacht zum Tag machten – so lange, bis ihr genervter Trainer um vier Uhr morgens einschritt und die Kicker ins Bett scheuchte. Gleich das zweite Match gegen Ghana sorgte mit einem mühsamen Unentschieden dann für eine gewisse Ernüchterung. Danach gewannen die Nationalspieler alle Spiele und konnte nach dem Finale gegen Argentinien den goldenen WM-Pokal in die Höhe stemmen – Bilder von diesem Triumph stehen am Anfang dieser abwechslungsreichen Dokumentation.
Doch der Film von Sven Kaulbars und Martin Roschitz ist mehr als ein reich bebilderter Jubelbeitrag über den Triumph von 2014, mit dem das Publikum auf die anstehende Europameisterschaft heißgemacht werden soll. Es geht auch um die Sorgen und Nöte eines Fußballprofis, namentlich die von Benedikt Höwedes. Der damals 26 Jahre alte Profi von Schalke 04 stieß 2014 als ein Spieler zur Nationalmannschaft, dem Experten nur wenig Chancen auf Einsätze zutrauten. Weil die Position des linken Außenverteidigers vakant war, bekam der zweikampfstarke Spieler aus dem Ruhrgebiet aber doch seine Chance und rückte in die Mannschaft – auch wenn er sich als gelernter Innenverteidiger nicht immer leicht mit der für ihn ungewohnten Rolle tat.
Höwedes, der reflektiert und offen über die Zeit von damals berichtet, litt unter Erfolgsdruck, Selbstzweifeln und enormem Stress – vor allem nachdem ihn sein früherer Schalker Trainer Felix Magath in einer Zeitungskolumne als „Schwachpunkt in unserem Spiel“ bezeichnet hatte. Diese Kritik und der allgemeine Druck, der vor und während des Turniers auf ihm lastete, machten Höwedes nach eigener Aussage so schwer zu schaffen, dass ihm buchstäblich die Haare ausgingen – beim Vorrundenspiel gegen die USA wurden die Geheimratsecken des jungen Fußballers in strömendem Regen so offensichtlich, dass er selber erschrak, als er die Bilder sah. Jogi Löw dagegen fielen die lichten Stellen auf dem Kopf seines linken Außenverteidigers nicht auf, wie er in der Dokumentation sagt: Er habe bei wichtigen Turnieren eher weniger auf die Frisuren seiner Spieler geachtet, versichert der ehemalige Bundestrainer in dem überaus sehenswerten Vierteiler. MARTIN WEBER