„Alle Dämme sind gebrochen“

von Redaktion

Christian Springer über sein neues Buch, Gewalt in der Politik, Fake News und Ampel-Bashing im Kabarett

Engagiert: Christian Springer hat ein Buch über Gewalt in der Politik geschrieben. Nun stellt er es in München vor. © Schweikle

Steinwürfe auf Politiker, zerstörte Wahlplakate, Drohungen – sie werfen einen Schatten auf die politischen Debatten in Deutschland. „Es ist höchste Zeit, dass die Politik einschreitet, um eine weitere Eskalation zu verhindern“, fordert der Münchner Kabarettist Christian Springer. Unter dem Titel „Bayerischer Mob – Wie die Gewalt in die Politik einzog“ hat der 59-Jährige mit Kerstin Schweiger viele Fälle dokumentiert. An diesem Donnerstag, 12 Uhr, stellt er das Buch im Lustspielhaus vor. Wir sprachen mit Springer, der aktuell mit dem Programm „Nicht egal!“ tourt.

Der Buchtitel suggeriert, dass es dieses Phänomen nur in Bayern gibt.

Nein, das Phänomen gibt es deutschlandweit. Aber der Anstoß, dieses Buch zu schreiben, war ein Stein, und der ist in Bayern geflogen. Ich war 2023 in Neu-Ulm, als jemand bei einer Wahlveranstaltung einen Stein auf die Grünen Katharina Schulze und Ludwig Hartmann geworfen hat. Zum Glück hat er nicht getroffen. Wie groß muss der Hass sein, wenn einer so einen Stein mitbringt?

Sie erwähnen im Zusammenhang mit Hate Speech und Gewalt oft Markus Söder und Hubert Aiwanger – sind das für Sie die maßgeblichen Wegbereiter für solche Attacken?

Ich zitiere sie ja nur. In ihren Funktionen als Ministerpräsident und als stellvertretender Ministerpräsident könnten sie das Feuer löschen, aber sie fachen es noch an. Ganz entscheidend hierfür war die Erdinger Rede Aiwangers. Natürlich sind Söder und Aiwanger nicht die Hauptschuldigen, denn im Internet sind inzwischen alle Dämme gebrochen. Aber sie tun nicht, was sie tun müssten, nämlich deeskalieren.

Es ist im Buch viel von Fake News die Rede. Wie könnte man dem begegnen?

Durch konsequente Aufklärung. Es gibt ja schon ganz viele Faktenchecker in den Medien und im Netz, die Fake News widerlegen. Nur ist es leider inzwischen vielen wurscht, wenn eine Behauptung als Falschbehauptung entlarvt wurde. Auch deswegen taucht Söder immer wieder im Buch auf. Als ihn Sandra Maischberger in ihrer Talkshow damit konfrontiert hat, dass es kein Luftballonverbot in Deutschland gibt, hat er nur gesagt: „Ach Sie immer mit Ihrer Recherche!“ Und schon war er raus aus der Nummer. Ich glaube trotzdem, dass es wichtig ist, bei solchen Fake News gegenzuhalten. Nicht den anderen zu beschimpfen, sondern einfach zu fragen: Wo steht das, wer hat das gesagt?

Sie schreiben: „Das Ampel-Bashing hat längst die Bühnen von Kabarett und Comedy erreicht.“ Aber ist es nicht die Aufgabe von Kabarett, sich an der Regierung abzuarbeiten?

Ja, natürlich. Aber wenn Kabarettisten auf der Bühne stehen und auf die Regierung schimpfen, ohne das satirisch zu verpacken, und es brandet Applaus auf, habe ich Probleme damit, weil die damit den Boden unserer Kunst verlassen.

Monika Gruber wird von Ihnen zitiert mit: „Die Regierung muss weg.“ Ist das für Sie der oben beschriebene Sündenfall einer Kollegin, mit der Sie ja früher gut befreundet waren?

Das stimmt, ich kenne die Monika schon lang, habe aber seit Jahren nicht mit ihr gesprochen. Das Tragische ist, dass da jemand eine politische Demo mitorganisiert hat, der sich für Politik gar nicht interessiert.

Die Gruberin – unpolitisch?

Sie positioniert sich, aber politisch zu sein heißt ja, Argumente gegeneinander abzuwägen und dann zu urteilen. Und nicht mit der Keule immer nur in eine Richtung zu schlagen. Der Regierung in Berlin die Schuld an allem zu geben, was schiefläuft, ist einfach nicht richtig.

Sie sehen die Demokratie gefährdet. Ihre Prognose?

Inzwischen bin ich so alt, dass ich schon einige rechtsextreme Strömungen erlebt habe. Die Gefahr, die von ihnen ausging, wurde oft unterschätzt, aber die Gesellschaft war immer stark genug, dagegenzuhalten. Und wenn die AfD jetzt in einigen östlichen Bundesländern 30 Prozent erreichen könnte, müssen wir eben die 70 Prozent mobilisieren, die sie nicht wählen, und das ist eine fette Mehrheit.

INTERVIEW: R. OGIERMANN

Artikel 4 von 4