NEUERSCHEINUNG

Schreiben als schmerzhafter Prozess

von Redaktion

„Tatort“-Gerichtsmediziner Joe Bausch und sein autobiografisches Buch „Verrücktes Blut“

„Mein Buch soll auch Mut machen“: Schauspieler Joe Bausch schildert seine brutale Jugend auf einem Bauernhof im Westerwald. © Bernd Thissen

Joe Bausch, bekannt als Gerichtsmediziner aus dem Kölner „Tatort“, hat seine Kindheit auf dem Bauernhof nach eigenen Worten für das Leben gestählt. „Auf dem Bauernhof lernt man, das Leben auszuhalten“, sagt der 71-Jährige. „Es hört kein Bauer auf, Bauer zu sein, weil die Ernte verfault ist.“ Sein autobiografisches Buch heißt „Verrücktes Blut. Oder: Wie ich wurde, der ich bin“, darin setzt er sich mit seiner Kindheit und Jugend auf einem Bauernhof im Westerwald in den Fünfzigerjahren auseinander. Er schildert Missbrauch, Prügel und Erniedrigung.

„Mein Buch soll auch Mut machen, sagen: ‚Du bist nicht allein.‘ Mir ist klar geworden, dass es verdammt viele von uns gibt, in allen gesellschaftlichen Schichten.“ Die Täter müssten sich schämen, nicht die Opfer. Dass er trotz seiner traumatischen Erfahrung „keine Scheiße gebaut“ habe auf seinem weiteren Lebensweg (und etwa selbst kriminell geworden sei), verdanke er ebenfalls seinem Leben auf dem Bauernhof. „Meine Kindheit dort hat mich gelehrt, Verantwortung zu übernehmen. Und auch, dass ich die Folgen zu tragen habe, wenn ich meiner Verantwortung nicht gerecht werde. Daraus ist so eine Art Selbstverpflichtung entstanden, weiterzumachen, immer wieder aufzustehen“, sagt Bausch.

Das Leben sei „hart genug“, und gerade deshalb solle man es sich schön machen, zitiert der Autor im Buch seine Oma Anna. Das heiße aber nicht, „dass man es sich möglichst bequem macht und auf der faulen Haut liegt. Sondern eher, das Leben mit Zuversicht zu betrachten und auch den schwierigen Momenten Paroli zu bieten“, sagt Bausch. Das Schreiben sei für ihn vor diesem Hintergrund auch ein schmerzhafter Prozess gewesen. Als er sein Buch als Hörbuch eingelesen habe, sei seine Stimme an mancher Stelle „schon sehr beschlagen“ gewesen, sodass man einen neuen Versuch starten musste.

Nach eigenen Worten habe er ein „sehr ausgeprägtes Gewissen“. Dies liege an seiner christlichen Erziehung. Zwar sei er schon lange aus der Kirche ausgetreten. Aber „nicht weil ich Atheist bin, sondern weil ich klarmachen wollte, dass das nicht mehr mein Weg ist“. Zu viel ärgere ihn. „Ist es nicht längst Zeit für eine Päpstin? Ohne Frauen, die überall die Gemeinden am Laufen halten, wäre die Kirche trostlos.“ Dennoch spiele Religion nach wie vor eine Rolle in seinem Leben.

„Wenn ich unterwegs bin, gehe ich in eine Kirche, um eine Kerze anzuzünden. Es ist für mich ein Moment der Besinnung, auch ein Nachhausekommen. Über einen einfachen Zettel an der Tür meiner Heimatkirche im Westerwald, als ich neulich wegen Dreharbeiten mal wieder da war, war ich ganz ergriffen. Darauf stand: Willkommen zu Hause.“ Ohnehin habe seine Kindheit auf einem Bauernhof eine gewisse „Gottergebenheit“ mit sich gebracht, meint Bausch.. „Auf dem Bauernhof tritt man morgens aus der Haustür und blickt ins Firmament, ob der Himmel hell und blau ist, oder ob Wolken aufkommen. Als Bauer ist man vom Wetter abhängig. Man weiß nie, was kommt. Den Blick des Bauern habe ich behalten.“ NINA SCHMEDDING

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