Sebastian Schweinsteiger beendete im Oktober 2019 seine aktive Karriere als Fußballspieler. © Sampics
Er wurde 2014 mit der deutschen Nationalmannschaft Weltmeister und errang mit dem FC Bayern zahlreiche Titel: Bastian Schweinsteiger, einer der besten deutschen Fußballer seiner Generation. Seit ein paar Jahren tritt der Ex-Profi bei großen Turnieren im Fernsehen als Experte auf, und auch bei der am 14. Juni beginnenden Europameisterschaft im eigenen Land wird Schweinsteiger in dieser Funktion wieder im Ersten zu sehen sein. Im Gespräch mit unserer Zeitung spricht er über sein Verhältnis zur deutschen Nationalmannschaft, seinen Job als TV-Experte und sein gespaltenes Verhältnis zu den Medien während seiner aktiven Zeit.
Sie sind bei der EM wieder als TV-Experte im Einsatz. Kribbelt es noch in den Beinen, wenn unten auf dem Platz die Nationalhymne ertönt?
Allerdings, gerade bei einem Turnier im eigenen Land. Ich würde mir manchmal schon noch gerne das Nationaltrikot überstreifen, weil es für einen Fußballer einfach nichts Größeres gibt, als seine Nation bei so einem Turnier zu vertreten. Ich fiebere bei jedem Spiel der Nationalmannschaft mit den Jungs unten auf dem Platz mit.
Glauben Sie, dass die EM im eigenen Land das Zeug zum Sommermärchen hat wie die WM 2006?
Ich hoffe es. Das Wichtigste ist, dass unsere Mannschaft es mit ihrem Auftreten schafft, viel Begeisterung bei den Leuten zu entfachen. Das wünsche ich mir wirklich, und deshalb wäre ein Auftaktsieg im Eröffnungsspiel gegen Schottland auch eminent wichtig. 2006 haben wir das erste Spiel gegen Costa Rica gewonnen, und das gab uns einen ungeheuren Schub. Es kommt also sehr viel auf dieses erste Spiel an.
Waren Sie früher als Spieler vor einem wichtigen Match aufgeregter oder sind Sie es heute als TV-Experte?
Schwer zu sagen. Als Spieler bist du natürlich viel näher dran, hast das Wesentliche aber in deiner Hand. Als Experte greift man nicht mehr selbst ein und reagiert eben auf das, was auf dem Platz passiert. Wenn ich früher meiner Frau Ana bei einem wichtigen Tennismatch zugeschaut habe und es lief für sie nicht gut, wäre ich manchmal auch am liebsten runter auf den Court, um ihr beizustehen.
Sie drücken Deutschland die Daumen – fällt es da nicht schwer, im Job überparteilich zu sein?
Ich versuche schon, so ein Spiel neutral zu beurteilen. Ich muss es so besprechen, wie ich es aus meiner Wahrnehmung heraus sehe – das ist mein Job als Experte. Es ist bei Spielen der deutschen Mannschaft vielleicht ein bisschen schwieriger, die Neutralität zu wahren, als bei anderen. Aber natürlich muss ich auch da Fehler ansprechen. Ich versuche dabei immer, es mit den Augen eines ehemaligen Spielers zu sehen und meine Einschätzung dem Zuschauer so verständlich wie möglich rüberzubringen.
Haben Sie einen engen Kontakt zur deutschen Mannschaft?
Ich kenne den ein oder anderen Spieler oder auch Physiotherapeuten ganz gut, aber es ist nicht so, dass ich die vor einem wichtigen Spiel anrufe und mich nach der aktuellen Situation in der Mannschaft erkundige. Dafür bin ich Profi genug, dass ich die Lage auch ganz gut selber einschätzen kann.
Aber mit früheren Kollegen tauschen Sie sich doch schon aus, oder?
Klar, denen schreibe ich manchmal, aber wenn sie vor einem wichtigen Spiel in ihrer Konzentrationsphase sind, lasse ich sie auch in Ruhe.
Melden sich ehemalige Mitspieler schon mal, wenn Sie von Ihnen im TV kritisiert worden sind?
Nein, das kommt so gut wie nie vor.
Gibt‘s denn ab und zu Lob von den Ex-Kollegen?
Das schon eher, der ein oder andere aus der Fußballwelt kontaktiert mich schon mal, um mir seine Einschätzung über meine Arbeit mitzuteilen. Bei der Weltmeisterschaft in Katar zum Beispiel meldete sich der Trainer der Niederlande, Louis van Gaal, bei mir, den ich von seiner Zeit bei Bayern München ja noch gut kenne. Er wollte vor dem Spiel der Holländer gegen Argentinien von mir genau wissen, was ich von den Argentiniern halte.
INTERVIEW: MARTIN WEBER