Er kennt seinen Donald: Seit 1980 zeichnet Jan Gulbransson den aufbrausenden Erpel. © Astrid Schmidhuber
Jan Gulbransson hat mit Donald Duck eigentlich wenig gemein – ein Pechvogel ist er schon gar nicht. Schließlich durfte er sein größtes Talent zum Beruf machen. Der Enkel von „Simplicissimus“-Karikaturist Olaf Gulbransson ist der einzige Deutsche, der für das Disney-Unternehmen komplette Donald-Duck-Geschichten zeichnen darf. Dort, wo schon sein Opa wohnte, direkt neben dem Schwabinger Bach, empfängt der Künstler anlässlich des 90. Geburtstags von Donald am 9. Juni. Leicht übermüdet verstaut Gulbransson seine Einmeterneunzig auf der Couch. Denn er hat am Vorabend seinen 75. gefeiert.
Herr Gulbransson, alles Gute nachträglich! Sie haben fast gleichzeitig mit Donald Duck Geburtstag – nur sind Sie 15 Jahre jünger. Wann haben Sie ihn kennengelernt?
Ich habe mein erstes „Micky Maus“-Heft mit drei oder vier bekommen. Damals sagte man dazu noch Schundheft. Meine Eltern haben das natürlich nicht gerne gesehen.
Sie haben die Schwabinger Bohème durch Ihren Großvater Olaf noch mitbekommen. Wie war das Viertel in Ihrer Kindheit?
Ganz anders als heute. Gegenüber wohnte noch ein Tagelöhner. Den mochte ich sehr. Entweder er war mal im Knast gesessen oder zur See gefahren, jedenfalls hatte er fette Tätowierungen an den Unterarmen: einen Anker und eine vollbusige Meerjungfrau. Über ihm wohnte eine Frau mit 40 Katzen in einen Zimmer.
Bei der Bilderfülle muss man ja fast Comiczeichner werden.
Was mich geprägt hat, war die Ablehnung der Comics durch die Erwachsenen. Die hat mich motiviert. Damals war Literatur für Kinder äußerst betulich. Motto: Wenn wir uns alle an den Händen fassen, ist die Welt eine bessere. Jedes Kind weiß: Das Leben ist nicht so. Ich hatte als Bub zwei Autoren, denen ich geglaubt habe: Mark Twain und Carl Barks.
Carl Barks, der legendäre Zeichner von Disney, der Donald, wie wir ihn heute kennen, erschaffen hat.
Barks war ein großartiger Zeichner, aber ein wirklich genialer Geschichtenerzähler. Donald ist von allen Comicfiguren, die ich kenne, die komplexeste.
Aber sie ist nicht gerade positiv. Donald ist ein cholerischer Versager.
Eben. Er ist ein Antiheld, aber man kann sich mit ihm identifizieren. Ihm gehen genauso Sachen schief wie jedem von uns. Er ist ein Spielball seiner Emotionen. Und er wird aus Schaden nicht klug.
Deutsche Leser sind zudem gebildet worden durch die Donald-Übersetzungen von Erika Fuchs. Sie auch?
Aber hallo! Wir Deutschen leben ihretwegen auf der Insel der Seligen. Ich glaube nicht, dass Kinder diesen Reichtum in anderen Sprachen überhaupt erlebt haben.
Wortschöpfungen wie „Schluchz!“ oder „Bibber!“, die von Donald-Fans liebevoll „Erikative“ genannt werden, sind wirklich Allgemeingut geworden.
Aber beileibe nicht nur die. Fuchs hat klassische Literatur zitiert. Sie hatte vor allem einen teuflisch guten, lakonischen Humor und war eine hervorragende Beobachterin. Ihr Credo war: „Der größte Fehler ist, Kinder zu unterschätzen.“ Ich bin kein Wissenschaftler, aber ich möchte wetten, dass sie den Humor der in der Bundesrepublik Geborenen geprägt hat.
Welche ist Ihre Lieblings-Nebenfigur in Entenhausen?
Onkel Dagobert, auch von Carl Barks erfunden.
Der Kapitalist, der immer ein Geschäft wittert. Eigentlich ein Donald-Gegenentwurf, oder?
Ich habe mich auch gefragt, warum er so populär geworden ist. Ich glaube, es liegt daran, dass er einerseits der Machthaber in der Familie ist. Gleichzeitig spricht er aber das Kind in uns an: Er lässt den Traum wahr werden, sich aufführen zu können wie die Sau – und gleichzeitig kann niemand etwas dagegen tun.
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