Das Land sehnt sich nach einem Fußballfest: der ZDF-Sportjournalist Jochen Breyer. © Nadine Rupp/ZDF
Es ist schon sein viertes großes Turnier – Jochen Breyer moderiert, zusammen mit Katrin Müller-Hohenstein, für das ZDF die Spiele der heute beginnenden Fußball-EM in Deutschland. Und begleitet für seinen Sender gleich das erste Vorrundenspiel des DFB-Teams gegen Schottland, live aus München (Anstoß: 21 Uhr). Der 41-Jährige kam 2007 zum ZDF, seit 2013 ist er einer der Präsentatoren des „Aktuellen Sportstudios“.
Beim sogenannten Sommermärchen im Jahr 2006 waren Sie noch Student in München – woran denken Sie besonders gern zurück?
Es war eine grandiose Zeit. In meiner Erinnerung habe ich in diesen vier Wochen nichts anderes gemacht als in Biergärten abzuhängen und Fußball zu schauen. (Lacht.) Das ist ja das Schöne am Studentenleben – man kann alles andere aufschieben. Ich habe das wahnsinnig genossen. Das Schönste sind ja gar nicht unbedingt die 90 Minuten Spiel, sondern die Vorfreude. Dass man sich trifft, den Grill anwirft, schon mal ein, zwei Bier trinkt und darüber redet, was wohl passieren wird, wenn gleich Deutschland im Viertelfinale gegen Argentinien spielt.
Sie erinnern sich weniger an die sportlichen Ereignisse als an das Drumherum?
Klar denke ich auch an das Sportliche. An das Tor von Oliver Neuville gegen Polen in der letzten Minute. Das Elfmeterschießen gegen Argentinien. Das bittere Ausscheiden gegen Italien. Aber prägend war für mich diese besondere Stimmung in Deutschland während der vier Wochen. Dass wir uns als Deutsche alle mal locker gemacht haben.
Jetzt könnte es wieder ein Sommermärchen geben, aber das Land hat sich verändert. Alle, so scheint es, reden von Krise.
Es ist bestimmt schwieriger, wieder in diese Stimmung zu kommen, weil Deutschland noch ein Stück schwermütiger, noch ein Stück pessimistischer geworden ist. Es ist ja sowieso – vorsichtig formuliert – nicht gerade unsere Stärke, positiv in die Zukunft zu schauen. Andererseits glaube ich, dass sich das Land danach sehnt, für ein paar Tage mal alle Sorgen und Krisen zu vergessen und ein Fußballfest zu feiern.
Auch die Ausgangslage der DFB-Elf ist eine andere als 2006, Deutschland ist nicht mehr automatisch Mitfavorit, wie sehen Sie die Chance von Julians Jungs?
Das Schöne ist, dass ich genau für diese Frage in unseren Sendungen Experten an meiner Seite habe und sie zum Glück nicht selbst beantworten muss. Meine prophetischen Qualitäten halten sich ehrlich gesagt auch in Grenzen. Grundsätzlich bin ich aber optimistisch. Julian Nagelsmann und sein Team haben es geschafft, einen Stimmungsumschwung zu bewirken. Ich erinnere mich noch gut an das letzte Länderspiel 2023 in Österreich, das ich als Moderator miterlebt habe. Es war ein Desaster. Ein Tiefpunkt. Das Trainerteam hat allerdings sehr mutige Konsequenzen gezogen, die Früchte tragen. Besonders die Spiele gegen Frankreich und die Niederlande machen Mut.
Legen Sie sich fest? Viertelfinale mindestens?
Sorry, wenn ich mit einer langweiligen Antwort komme, aber das lässt sich aus meiner Sicht überhaupt nicht prognostizieren, weil jedes Spiel plötzlich kippen kann, durch einen dummen Fehler, ein doofes Eigentor oder einfach Pech. Ich glaube, dass die Vorrunde kein Problem sein wird, und ab dem Achtelfinale ist es dann Tagesform und Glück. Aber wenn die Euphorie dazu kommt und uns der Turnierbaum einigermaßen gewogen ist, dann ist mindestens das Halbfinale drin.
Nicht nur im Zuge der Gebührendiskussion, die ja derzeit wieder geführt wird, monieren manche unserer Leserinnen und Leser, dass es so viele Experten gibt. Die kosteten ja alle Geld. Warum braucht das ZDF Per Mertesacker und Christoph Kramer?
Weil die beiden ein großartiges Duo sind. Weil insbesondere im Zusammenspiel zwischen den beiden viel entsteht. Wenn ich Feedback bekomme auf unsere Sendungen, dann freuen sich die Menschen insbesondere über die Momente, in denen sich die beiden mal nicht einig sind und sich kabbeln. Auch ich als Moderator lehne mich dann gerne zurück und lausche ihnen gespannt.
RUDOLF OGIERMANN