Crashtest mit einem Wildschwein-Dummy: Nicht nur für Tiere, auch für den Menschen können Unfälle gefährlich sein. © SWR
Ein unterschätztes Problem: Wildtier-Unfälle. Die Dokumentation sucht nach Lösungen, wie sie zu verhindern wären. © SWR
Der Verkehr auf Straßen und Schienen bringt täglich vielen Tieren den Tod. Weltweit. Die 90-minütige Dokumentation „Artensterben auf der Straße – Keine Chance für Wildtiere?“ zeigt in teils schwer auszuhaltenden Bildern das Leid von Rehen, Luchsen, Igeln, Vögeln, Elefanten. Der Biologe Axel Wagner recherchiert mit dem Autor Christopher Stöckle, wie dieses Sterben verhindert werden könnte – zu sehen heute um 20.15 Uhr auf 3sat.
Tierkadaver am Straßenrand oder auf der Fahrbahn sind ein alltägliches Bild. Alle 90 Sekunden stirbt ein Wildtier auf deutschen Straßen, viele werden verletzt. In einer Auffangstation besucht Wagner einen kleinen Luchs, den ein Auto erwischt hat. Das Jungtier wurde unter anderem mit einem Beinbruch und ausgeschlagenen Zähnen gerettet und soll nun aufgepäppelt werden. Luchse sind geschützt, das Auto zählt zu ihren größten Feinden. Ähnlich ist es bei der Europäischen Wildkatze. Zahlreiche Exemplare der vom Aussterben bedrohten Tierart sterben einen Unfalltod.
Doch nicht nur für Tiere, auch für den Menschen können die Unfälle gefährlich sein, wie Crashtests des ADAC mit einem Wildschwein-Dummy zeigen. Für Versicherer bedeute das fast eine Milliarde Euro Kosten im Jahr, so Wagner. Der Grund für die Unfälle ist der Mensch, fasst der Filmemacher zusammen. Der Mensch zerschneide mit Straßenbau und Bebauung die Landschaft. Viele Tiere könnten bei der Suche nach Futter oder neuen Revieren nicht wandern, ohne sich in Lebensgefahr zu bringen. Dabei gibt und gäbe es zahlreiche Möglichkeiten, um den „Roadkill“ in Deutschland – und weltweit – zu reduzieren: vom Tempolimit über automatische Wildwarnanlagen bis hin zu Assistenzsystemen im Fahrzeug. Doch die seien für Autohersteller eben nicht verpflichtend.
Ein Tempolimit von 80 Kilometern pro Stunde auf Landstraßen würde ausreichen, um die Zahl der getöteten Tiere zumindest zu verringern, sagt eine Expertin im Gespräch mit Wagner. Der Mensch erwarte aber, dass das Tier sein Verhalten ändere, dabei sei es der Mensch, der sein Verhalten ändern müsse – etwa die Geschwindigkeit anpassen.
Wagner berichtet von einer Grünbrücke im Pfälzer Wald, die von Rehen, Luchsen, Hasen, Wildschweinen und Wildkatzen genutzt wird, wie eine Fotofalle belegt. Jedoch: Die Grünbrücke sei lediglich eine punktuelle Hilfe an vielen Kilometern Straße. Hilfreich könnten auch Kleintierbrücken oder kleine Tunnel unter Straßen sein. Davon gebe es zu wenig. Dass sich viele Tierarten wegen des dichten Straßennetzes nicht mehr ausbreiten können, hat noch weitere Auswirkungen: Die einzelnen Populationen können ihr Genmaterial nicht mehr austauschen.
Durch Inzucht drohe etwa dem Rothirsch in den nächsten Jahren das Aussterben, wie Wildbiologen sagen. Schon sei deutschlandweit eine genetische Verarmung bei den Tieren zu beobachten. Auch gebe es etwa Hirschkälber mit deformierten Unterkiefern. Wildkatzen seien genetisch ebenfalls betroffen, die mischten sich zusehends mit Hauskatzen. Das Fazit von Andreas Wagner: „Da muss was passieren.“ UTE WESSELS