„Sie ist eine völlig integre Person“: WDR-Chef Tom Buhrow mit seiner Nachfolgerin Katrin Vernau. © Meike Böschemeyer/epd
„Wirklich ein bisschen krimihaft“ fand ein Rundfunkratsmitglied die Wahl von Katrin Vernau zur neuen Intendantin des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Die bisherige Verwaltungsdirektorin des Senders setzte sich am Donnerstag in einer spannenden Stichwahl gegen „Tagesthemen“-Moderator Helge Fuhst durch. Die 51-Jährige bekam 36 Stimmen, der 40-jährige Fuhst 18. Zuvor waren im ersten Wahlgang bereits die beiden Mitbewerber, WDR-Programmdiektor und „Presseclub“-Moderator Jörg Schönenborn (59) und Elmar Theveßen (57), ZDF-Studioleiter in Washington, ausgeschieden.
Sie sei „ein bisschen überwältigt“, sagte Vernau im Anschluss an ihre Wahl. Die aus Villingen-Schwenningen (Baden-Württemberg) stammende Managerin folgt auf Tom Buhrow (65), der keine dritte Amtszeit mehr anstrebte und vorzeitig zum Jahresende aufhört. Der frühere „Tagesthemen“-Moderator hatte 2013 nach seiner eigenen Wahl zum Intendanten erklärt, er bringe die Liebe mit. Danach gefragt, was sie mitbringe, antwortete Vernau nun: „Mut. Den Mut zur Veränderung.“
Buhrow hinterlässt große Fußstapfen. Er reformierte den größten ARD-Sender und verordnete ihm einen Sparkurs mit dem Abbau von Hunderten Arbeitsplätzen. Vernau sei „eine völlig integre Person“, so Buhrow. „Sie stellt ihre Handlungen unter Prinzipien, und die hält sie dann auch durch. Sie ist nicht nur eine Zahlenfrau, sondern sie ist eine Person, die sich für den gesamten Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks interessiert.“
Der WDR hat innerhalb der ARD eine besondere Machtposition durch seine schiere Größe. Die Einnahmen aus dem Rundfunkbeitrag lagen in dem bevölkerungsreichsten Bundesland bei rund 1,3 Milliarden Euro im Jahr 2023, gut 4100 Festangestellte und mehr als 2400 freie Mitarbeiter sind für den Sender tätig. Mit großem Interesse dürfte beobachtet werden, wie Vernau mit den acht anderen ARD-Senderchefinnen und -chefs und auch mit dem ZDF künftig zusammenarbeitet. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht derzeit unter hohem Spar- und Reformdruck.
In der Vorstellungsrunde vor dem Rundfunkrat hatte Vernau vor der Wahl acht Punkte präsentiert, wie sie den ARD-Sender in die Zukunft führen will. Sie sprach sich unter anderem für mehr Regionalität, mehr Mut zur Durchsetzung der Reformen im Senderverbund und mehr Kooperationen mit privaten Unternehmen etwa auf dem Feld Künstliche Intelligenz aus. Die notwendige Transformation des WDR gehe deutlich über eine journalistische Aufgabe hinaus, sagte Vernau. Im Gegensatz zu den drei anderen Kandidaten ist die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin von Haus aus keine Journalistin.
Auf die Frage aus dem Rundfunkrat, warum man darauf vertrauen könne, dass sie die Richtige sei, antwortete sie: „Weil ich es schon einmal gemacht habe.“ Tatsächlich war Vernau 2022 für ein Jahr befristet zur Interimsintendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) gewählt worden. Die Anstalt war durch Vorwürfe der Vetternwirtschaft und der Verschwendung ins Gerede geraten. Ihre Mission galt als erfolgreich, danach wurde sie gleichwohl wieder nach Köln zurückgeschickt.
Vernau hatte beim RBB in beachtlichem Tempo wieder Struktur zurückgebracht. Sie klärte intern auf, beendete wegen explodierender Kosten das Bauprojekt Digitales Medienhaus, legte das drohende Millionendefizit offen und schob einen Sparplan samt Stellenabbau an. Sie legte in den Landtagen von Brandenburg und Berlin Rechenschaft ab. Und sie kündigte allen Geschäftsleitungsmitgliedern. A. RINGLE